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Montag, 22.Februar 2016

Thema | Seite 2


«Meine Herren! Die NZZ ist zwar subtil, aber keineswegs bösartig»

Martin Meyer, langjähriger Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung, im grossen Gespräch mit der Basler Zeitung – über Philosophie und Politik, Journalismus und Fernsehen, Lehrer und Freunde

Von Erik Ebneter und Hansjörg Müller, Zürich

Empfang der Neuen Zürcher Zeitung.Weisse Wände, heller Boden, spärliches Licht, futuristische Möbel, hinter einer weissen Theke unterhalten sich zwei Mitarbeiterinnen im Flüsterton. Auf einmal: Bewegung. Energischen Schrittes betritt Martin Meyer die Szenerie, fester Händedruck, prüfender Blick: «Willkommen in Preussen!» Kurz blitzen seine Augen. Es scheint, als freue er sich still über seine Pointe.

Vor einigen Jahren erschien in der Basler Zeitung eine Seite über den langjährigen Feuilleton-Chef der NZZ: «Es ist etwas Preus­sisch-Zackiges um diesen Meyer», hiess es da, «etwas, das so ganz und gar nicht schweizerisch wirken will. Ein Grandseigneur, in dessen Höflichkeit man zumindest gelegentlich auch eine Art vornehme Herablassung sehen könnte.»

Per Ende 2015 ist Meyer von seinem Posten zurückgetreten, nicht aber aus den Zeitungsspalten verschwunden. Eben wurde bekannt, dass er im Juni den bedeutenden Ludwig-Börne-Preis erhalten wird. Meyer, geboren 1951 in Zürich, ist korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Autor zahlreicher Bücher, unter anderem über Ernst Jünger, Thomas Mann und Albert Camus.

Nach der Begrüssung bittet er in den dritten Stock, wo er ein behagliches Zimmer belegt, umgeben von Büchern und Bildern.

BaZ: Herr Meyer, Sie sind pensioniert, aber Ihr Büro haben Sie noch.

Martin Meyer: Plötzlich ist man Rentner – oder jedenfalls Teilzeitrentner. Ich habe die Leitung des Feuilletons abgegeben, leite aber noch das Diskussionsforum NZZ-Podium. Da braucht man Infrastruktur.

Fällt Ihnen der Abschied schwer?

Wirklich schwer fällt er mir nicht, weil ich mich mit dem Gedanken schon länger getragen habe und mich innerlich darauf vorbereiten konnte. Ich war 41 Jahre lang bei der NZZ, davon 23 Jahre als Chef des Feuilletons. Irgendwann muss man Jüngeren Platz machen.

Im August 1974 erschien Ihr erster Artikel in der NZZ, eine Rezension des Buches «Analytische Philosophie der Geschichte» des amerikanischen Philosophen Arthur C. Danto. War das Ihr Bewerbungsschreiben?

Er war in der Tat die Eintrittsprobe, obwohl ich den Artikel gar nicht als solche verstand. Ich war damals Student und besuchte ein Seminar über Geschichtsphilosophie bei Hermann Lübbe, wo wir das Buch behandelten. Da dachte ich: Jetzt frage ich die NZZ, ob sie eine Rezension brauchen könnte. Vorher hatte ich schon für den Tages-Anzeiger kleine Fernsehkritiken geschrieben, über Frank Sinatra oder auch Arthur Rubinstein. Aber ich wusste, dass ich damit nicht alt würde und meinen Eltern auch keinen besonderen Eindruck machte. Folglich rief ich Hanno Helbling an, der damals das Feuilleton leitete. Er sagte: «Ja gut, machen Sie das.»

Die Stossrichtung dürfte Helbling ge­­fallen haben: Sie positionierten sich gegen den «marxistischen Erkenntnisanspruch» und die damals populäre neomarxistische Frankfurter Schule.

Ich muss Sie enttäuschen. Helbling fragte bloss, wie viel Platz ich brauchte, was ich schon einmal sehr vornehm fand. Ich sagte: «Sechs Maschinenseiten.» Als ich fertig war, dachte ich, ich schicke das nicht einfach ein, sondern stelle mich persönlich vor. Also ging ich mit dem einzigen anständigen Anzug, den ich besass, zur NZZ, einem Winteranzug aus schwerem Tuch. Es war Juli, schwitzend kam ich hier an. Wie es sich damals gehörte, liess Helbling mich fünfzehn Minuten warten. «Herr Doktor, hier ist die Rezension, ich würde mich freuen, wenn sie Ihnen gefällt und ich wieder einmal etwas für Sie machen könnte.» Helbling blickte mich an und sagte: «Wir haben eine halbe Stelle frei, wollen Sie zu uns kommen?»

Ohne den Artikel anzuschauen? Hatte er sich vorher über Sie informiert?

Nein, es war spielerisch inszeniert und trial and error. Am 1. September 1974 begann ich als Halbtagesredaktor mit eigenem Büro und übernahm dann schnell das Thema Philosophie, das noch frei war.

Wie haben Sie diesen kulturellen Graben erlebt: hier die progressiven Studenten, dort die bürgerlichen «Grosshumanisten» des Feuilletons, um eine ehemalige Redaktorin zu zitieren?

Wenn man so jung ist, dass einem Vierzigjährige als reife Herren erscheinen und Sechzigjährige als Statuen, kommt einem manches vielleicht etwas eigenartig vor. Aber man lernt diesen Stil schnell, und bald schon kaufte ich mir eine Pfeife und begann zu rauchen.

Auch an der Uni?

Manchmal auch an der Uni.

Wie war das Klima dort?

Es war munter. Es war mitunter laut. Und es kam auch auf die Seminare an. Bei den Historikern ging es etwas weniger tolerant zu als bei den Philosophen. Am Ende entscheiden die Charaktere: Wenn ein Mensch Humor hat und sich von sich selbst distanzieren kann, nimmt er auch seine Positionen nicht durchwegs hundert­prozentig ernst. Wenn man es aber mit Scholastikern oder Jesuiten des Marxismus zu tun hatte, war das natürlich schwieriger.

Machte Ihnen die Hegemonie der Linken keine Sorgen? Da lief aus Ihrer Sicht doch einiges in die falsche Richtung.

Mit 22 macht man sich nicht solche Sorgen. Im Rückblick habe ich die Motive der Achtundsechziger in der Schweiz am wenigsten verstanden. Ich verstand, warum die Studenten in Amerika protestierten: Es war die Zeit des Vietnamkriegs, politisch ging einiges daneben. Auch in Deutschland, wo man in Sachen Nationalsozialismus sehr vieles unter den Teppich gekehrt hatte und viele Täter-Väter wieder in Amt und Würden waren, fand ich die Rebellion verständlich. In Frankreich ging es um den ­Kolonialismus. Da war die Schweiz ­vergleichsweise ein harmloser Fall.

Aber es gab doch auch hier Dinge, an denen man sich als progressiver junger Mensch stossen konnte: Die Frauen hatten zum Beispiel kein Stimmrecht.

Sicher. Das war bizarr. Aber einen massiven Schuldbegriff, der es gerechtfertigt hätte, umstandslos Marxist zu werden, konnte in der Schweiz niemand aufbauen.

Gab es für Sie damals ein Leben ausserhalb von NZZ und Universität?

Als Studenten trafen wir uns in Bars und diskutierten ziemlich wild. Hin und wieder war auch Niklaus Meienberg dabei, was zur Belebung beitrug.

1990 hat Meienberg Ihr Buch über den Schriftsteller Ernst Jünger im Spiegelbrutal verrissen.

Er wollte das Buch gar nicht ver­stehen, sondern eben verreissen. Die NZZ war eines der vielen roten Tücher, die er vor sich aufgespannt hatte. Hinzu kam, dass Jünger damals viel kontroverser wahrgenommen wurde als heute. Doch gerade dies reizte mich auch an der Figur. Ich bin wahrhaftig kein Jünger-Apologet. Und es steht ja auch manchmal Schockierendes in seinen frühen Büchern. Aber die Zeitläufte, die ihn anfangs prägten, waren eben auch in vielem schrecklich. Da konnte man nicht einfach die Fauteuil-Perspektive pflegen.

Es wurde spekuliert, Sie hätten einen Ihrer Mitarbeiter auf Meienberg angesetzt, sogar von einem Revanchefoul war die Rede.

Das sind Verschwörungstheorien, wie sie immer wieder beliebt sind. Es kam etwas Neues über Meienberg heraus. Der junge Kritiker Andreas Breitenstein wollte das Buch besprechen. Wir sagten ihm: «Ja gut, machen Sie das.» Breitenstein war völlig frei, zu schreiben, was er wollte. Er lieferte freilich eine vielleicht etwas zugespitzte, aber analytisch-kluge Analyse massgeb­licher Schreib- und Charakterzüge Meienbergs. Das kam nicht überall gut an. Aber niemand widerlegte den Artikel in der Substanz. Und: Wenn man wie Meienberg hart im Geben war, sollte man auch ein wenig härter im Nehmen sein.

Wo wir schon beim Klatsch sind: Warum brachte die NZZ den Nachruf auf den Grossfeuilletonisten Fritz J. Raddatz nicht im Feuilleton, sondern auf der «Panorama»-Seite?

Das weiss ich nicht. Keine Ahnung.

Ebenso war es beim Nachruf auf den Kabarettisten Dieter Hildebrandt. Subtile Bösartigkeit nach Art des Hauses?

Meine Herren! Erstens: Die NZZ ist zwar subtil, aber keineswegs bösartig. Zweitens: Wir Journalisten ver­lieren uns manchmal viel zu tief in irgendwelche Spekulationen, wenn es um Usanzen unserer Branche geht. Ich sage Ihnen: In den meisten Fällen entbehren sie jeder Grundlage. Das ist déformation professionnelle, die bloss Zeit absorbiert.

Das deutsche Feuilleton, der Introspektion nicht abgeneigt, hat Ihren Rücktritt beschwiegen. Eine Enttäuschung?

Nein, das war mir ganz recht. Egomanie war nie meine besondere Stärke.

Als Frank Schirrmacher, Herausgeber des FAZ-Feuilletons, im Juni 2014 starb, trug der deutsche Kulturjournalismus wochenlang Trauer.

Das war ein ganz anderer Fall: ein früher, unerwarteter und tragischer Tod. Zudem hatte Schirrmacher in einer anderen Öffentlichkeit eine ziemlich andere Rolle, als ich sie hatte. Das kann man schwerlich vergleichen.

Die historischen Grossereignisse Ihrer journalistischen Karriere waren das Jahr 1989 und der 11. September 2001. Wir haben nachgeschaut, wie Sie darauf reagiert haben. Am 14. September 2001 veröffentlichten Sie einen grösseren Artikel, 1989 haben wir nichts Unmittelbares gefunden. Musste man 2001 – getrieben durch das Internet – bereits schneller reagieren?

Nein. Ich glaube, das lag vor allem daran, dass wir damals noch das Feuilleton meines verehrten Vorgängers Helbling machten, das keinen politischen Kurs einschlug. Hätte ich das Ressort damals schon geleitet, wäre die Epochenrevolution von 1989 sofort auch im Feuilleton schärfer und intensiver gespiegelt worden. Doch die Zuständigkeiten waren anders verteilt, auch zwischen den Ressorts. Was ich dann beförderte, waren schon auch Ausflüge in andere Fachgebiete. Natürlich schrieben wir keine politischen Leitartikel. Aber wir begannen intensiv Zeitanalysen und zeitgeschichtliche Deutungen zu betreiben, die auch ins Politische mündeten.

Auf die Frage, wo Sie politisch zu ver­orten seien, haben Sie einmal geant­wortet: «In der Mitte, ganz genau. ­Liberal.» Ist das immer noch so, oder haben Sie sich woanders hinbewegt?

Nein, das nicht, aber die Welt ver­ändert sich natürlich laufend.

Mitte ist kein statischer Begriff. Wenn sich der Zeitgeist ändert, ist die Mitte an einem anderen Ort.

Das sehe ich nicht so. Mit Mitte meine ich Vernunft und Augenmass. Ich habe mich nie in einer linken Position wiedergefunden, aber auch nie in einer rechten. Liberal, was heisst das? Freiheit, Eigenverantwortung, Demokratie, aber auch Rechtsstaat, checks and balances, Toleranz, Weltoffenheit – und viel Gestaltungsraum für das Individuum. Ich finde etwa, dass die Bürokratisierung hier und noch mehr in anderen Ländern immer rüstiger voranschreitet. Nur: Wenn ich das sage, fühle ich mich durchaus der liberalen Mitte zugehörig.

Gibt es nebst «liberal» ein politisches oder philosophisches Label, das Sie sich zuschreiben würden?

(Überlegt lange.)

Skeptiker, würden wir vorschlagen.

Ja, vielleicht. Ein skeptischer Optimist mit Neigung zu den Fragezeichen. Die Welt ist niemals die Summe dessen, was wir vernünftig tun und tun können. Und manchmal sogar das Gegenteil. Aber wir müssen dennoch in dieser Richtung vorwärts denken und handeln.

In Ihrer Doktorarbeit danken Sie einleitend auch Carl Schmitt, dem sogenannten «Kronjuristen des Dritten Reichs». Der New Yorker Philosoph Mark Lilla schreibt, dass sich im Zug nach Plettenberg, wo Schmitt wohnte, Revolutionäre und Konservative getroffen hätten. Sind Sie doch ein heimlicher Konservativer?

Ich bin, wie gesagt, ein Liberaler. Wie mein Freund Lilla das dargestellt hat, ist zudem stark übertrieben. Tatsächlich habe auch ich – wie Alexandre Kojève, Jacob Taubes oder Henning Ritter und manch andere – Schmitt einmal besucht. Es ist schon so und stammt auch nicht von mir: Carl Schmitt war einer der besonders scharfsinnigen Denker des 20. Jahrhunderts. Davon lernten auch viele Linke viel. Zugleich besass er eine ziemlich rabenschwarze Seele.

Lohnt es sich noch, Schmitt zu lesen?

Es lohnt sich immer, gescheite Autoren zu lesen. Was Schmitt geschrieben hat, ist häufig erhellend. Für Liberale lohnt sich die Lektüre deshalb, weil wir akzeptieren müssen, dass die Welt nicht immer so freundlich ist, wie wir sie uns wünschen. Einen Blick auch für das Böse zu entwickeln, bedeutet Erkenntnisgewinn. Hier kann uns Schmitt helfen, die «andere» Welt zu verstehen. Denken wir an die Wiederkehr des religiösen Fanatismus. Denken wir an die Renaissance der Machtpolitik, wie sie das 19. Jahrhundert kannte. Denken wir an die wachsende Kluft zwischen politischen Versprechungen und politischen Realitäten.

Hie und da wird die Politik der SVP mit Carl Schmitt und seinem Freund-Feind-Schema erklärt. Kann Schmitt helfen, die SVP und ihren Erfolg zu verstehen?

So weit würde ich nicht gehen. Aber die SVP hat auch Begriffe und Bilder von Gegnern entwickelt und damit gepunktet. In einer Welt, die uns immer mehr verunsichert, findet das Echo. Politik ist ja, frei nach Hermann Lübbe, die Kunst, Zustimmung zu finden. Der Erfolg wäre freilich so nicht möglich gewesen, wenn die SVP nicht auch Fragen bewirtschaften würde, die starke Teile der Bevölkerung umtreiben: Sicherheit, Grenzen, die Rolle des Nationalstaats, das Thema Identität und die Schweiz, die Struktur und die Zukunft Europas und so weiter. Ich bedauere, dass wir auf­seiten der Freisinnigen diese Arbeit, die natürlich auch Denkarbeit ist, in den letzten zwanzig Jahren zu wenig energisch vorangetrieben haben.

Sie können sich ja jetzt einbringen.

Als was?

Als Chefideologe.

Ich war nie Ideologe, und den Chef habe ich abgegeben.

Was werden Sie stattdessen tun mit Ihrer freien Zeit?

Ich werde hoffentlich noch das eine oder andere Buch schreiben, wenn die Inspiration da ist. Und wir haben einen tollen Hund, einen Lagotto Romagnolo des Namens Rudy.

Schreiben Journalisten Bücher, um die eigene Wirkung zu verlängern? Ist das Bücherschreiben eine Flucht vor der täglichen Routine?

Vielleicht ist es eine Kompensation. Aber es ist auch eine gute Übung, um den Verstand beweglich zu halten. Ein mehrhundertseitiges Buch und einen Aufsatz von 10 000 Zeichen zu schreiben, sind so unterschiedliche Betätigungen wie ein Marathon- und ein Hürdenlauf. Beides zu machen, hat mir persönlich immer gutgetan, auch wenn es mitunter sehr anstrengend war.

Wann haben Sie geschrieben? Nachts?

Nachts, oder auch manchmal über Mittag – und vor allem am Wochenende. Ich arbeite praktisch jedes Wochenende, wenn ich zu Hause bin.

Nachts konnte es vorkommen, dass ein Anruf des Philosophen Hans Blumenberg Ihre Arbeit unterbrach, richtig?

Das hatte mir Blumenberg angeboten oder abgefordert, ja.

Um was ging es in diesen Gesprächen? Um das Höchste?

Nein, oder sagen wir: nur manchmal. Aber es ging auch um ganz banale Dinge. Sie müssen sich das so vorstellen: Es ist elf Uhr abends, das Telefon klingelt, am Apparat ist Hans Blumenberg: «Herr Meyer, jetzt habe ich gerade eine Flasche Château Pétrus geöffnet für unser Gespräch. Wissen Sie, was das ist?» Mein Grossvater war Weinhändler, ich antwortete also: «Selbstverständlich, Herr Blumenberg, das ist ein sehr guter und sehr teurer Wein, den Sie da aufgemacht haben.» Er: «Ja, Herr Meyer, die Flasche kostet 2500 Mark.» Da blieb mir nur noch ein etwas trockenes «Prosit!».

Was tranken Sie?

Meistens Tee. Selten Chianti. Ich war ja der Wächter vor dem Orakel von Delphi und durfte nicht einnicken.

Immerhin wussten Sie, was der grosse Denker erwartete: Sie mussten liefern.

Na ja, so dramatisch war das nicht. Blumenberg neigte eher zum Monolog. Und manchmal stellte er auch einige private Fragen. Mein Sohn war damals noch klein, und so erkundigte er sich etwa nach dessen Wohlergehen. Aber häufig waren das lange, oft sehr lange Monologe. Die Telefonate konnten gut von elf Uhr abends bis zwei Uhr nachts dauern. Heute bereue ich, dass ich sie nicht aufgenommen habe. Sie waren wunderschön, zugleich oft etwas strapaziös.

Konnten Sie nicht sagen: «Herr Blumenberg, ich bin müde und muss morgen früh aufstehen, lassen Sie uns das Gespräch ein andermal fortsetzen»?

Das war schwierig. Man musste darauf hinsteuern, indem man zum Beispiel sagte: «Ja, ja, na gut, also, so, das wäre das.» Und so weiter.

Blumenberg haben Sie gewaltige Attribute zugeeignet. Sein Buch «Lebenszeit und Weltzeit» nannten Sie «genial». Hat er Ihr Denken am stärksten geprägt?

Ja, zusammen mit Hermann Lübbe. Das Wort «genial» verwende ich sehr selten, und wenn, dann meine ich es ernst. Lebenszeit und Weltzeit: In der Moderne treten diese Räume immer stärker auseinander. Die menschliche Zeit vermag immer weniger in Erfahrungen zu fassen, was die Weltzeit hervortreibt. Das hat mit der unheimlichen Beschleunigung weltzeitlicher Entwicklungen zu tun.

Erzählen Sie uns von Lübbe.

Lübbe wurde 1971 auf den Lehrstuhl für Philosophie in Zürich berufen. Er war brillant, unterhaltsam und von einer unglaublich schnellen Auffassungsgabe. Eine Hauptthese lautet: Der Fortschritt ist begrüssenswert, produziert aber Nebenfolgen, mit denen wir uns beschäftigen müssen.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Ja. Er ist bei guter Gesundheit. Ich kann Ihnen ein Foto zeigen (sucht auf seinem Handy nach dem Foto, findet es nicht). Unglaublich, was da alles gespeichert ist. Ah, da ist Orhan Pamuk. Kennen Sie ihn?

Den türkischen Schriftsteller?

Ja, ein Freund von uns. Beim Essen zeichnet er häufig pfiffige Leporellos der Anwesenden.

Um zu fotografieren, setzen Sie auch Drohnen ein, wie an Heiligabend in der Zeitung zu lesen war.

Meine Frau hat mir eine kleine Drohne für 20 Dollar geschenkt, als Gag. Man kann damit nicht viel Gescheites anfangen. Der Akku ist sehr schnell leer, nach drei Minuten ist der Flug bereits beendet. Das Ding überhaupt zum Fliegen zu bringen, war jedenfalls eine echte Herausforderung für einen digitalen Analphabeten wie mich. Was den technischen Fortschritt betrifft, wird noch Unglaubliches auf uns zukommen.

Macht Ihnen das Sorgen, oder setzen Sie Hoffnungen in den Fortschritt?

Beides, natürlich. Wir erleben eine Automatisierung der Dinge, deren wir nicht mehr Herr sind. Man begreift die Prozesse, die dahinter­stehen, längst nicht mehr. Zweitens ist man häufig das Objekt dieser Prozesse, nicht das Subjekt. Wer sind denn also die Machthaber dieser Gerätschaften? Ich bin kein Gegner des technischen Fortschritts, doch für meine Generation ist das alles sehr unanschaulich geworden. Was in der Medizin erreicht wird, ist vielerorts allerdings fabelhaft.

1994 schrieben Sie: «Wenn immer weniger Menschen von immer weniger Dingen etwas verstehen, wenn der Sachverstand noch weitere und weitere Parzellen erschliesst, dann mutiert das Vertrauen allmählich wieder zum Gottvertrauen; oder eben zum Gegenteil: zum totalen Misstrauen. Der Verdacht regiert, der Bürger gegen die ‹Techniker› und umgekehrt, der Wirtschaft gegen die Politik und umgekehrt.»

Das würde ich heute entschieden einfacher ausdrücken. Falsch ist es nicht. Die Handlungs- und Erkenntnisketten sind mittlerweile enorm fragmentiert. Und: Für immer mehr Dinge können wir heute kaum noch sach­gerecht mitentscheiden. Wir müssen darauf vertrauen, dass etwas funktioniert. Das erzeugt eine sekundäre «Religiosität». Dass diese wiederum kritisiert wird, etwa von den Grünen, ist nicht unverständlich.

Joachim Kaiser, der langjährige Feuilletonredaktor der Süddeutschen Zeitung, sagte einst von sich: «Ich bin der letzte Mohikaner.» Kennen Sie dieses Gefühl?

Ältere Herren sehen sich gern als die Letzten. Das gehört zur Eitelkeit. Es wimmelt also von Mohikanern. Mir ist dieses Gefühl unbekannt. Meine Frau wird mir schon sagen, wenn ich das Stadium des Fossils erreiche.

Wie verhält es sich mit Ihrem Kulturbegriff: Sie unterscheiden noch zwischen E und U, ernster Kultur und Unterhaltungskultur, nicht?

Das E ist für mich und meinen Beruf die massgebliche Kultur, ja. Aber die Grenzen werden durchlässiger, und dagegen habe ich nichts.

Sie haben sich vor Jahren vehement gegen die Beschäftigung mit den viel gelobten amerikanischen Fernsehserien ausgesprochen.

Ich war da wohl von gestern. Aber jetzt passen Sie nur auf: Ich habe meine Ansicht total geändert!

Welche Serie hat dies bewirkt?

Das Unheil begann mit «Downton Abbey». Eine wunderbare Serie.

Hat Ihre amerikanische Frau Sie auf den Geschmack gebracht?

Ja, sie hat das initiiert und geschaut, ob ich auf den Zug aufspringen würde. Es funktionierte.

Was schauen Sie?

Zum Beispiel «Homeland». Kürzlich sass ich neben der Hauptdarstellerin, Claire Danes, im Flugzeug. Es kam mir vor wie im Film. Plötzlich kippt die Wohnzimmerbildschirmfantasie in eine Sekundärrealität. Interessant.

Über Fernsehserien sagten Sie vor Jahren in einem Interview: «Es ist eine Art der Unterhaltung, die man sich passiv hineinzieht, und wenn man am Ende die eine Serie noch mit der anderen verwechselt, ist das Chaos komplett.»

So weit bin ich noch nicht. Ich wollte damals neben der Kritik am ausufernden Infotainment auch zum Ausdruck bringen, dass ein Dickens-Roman immer noch besser ist als eine Serie. Aber das sehe ich, jedenfalls zum Teil, heute etwas anders. Es gibt filmisch, psychologisch, darstellerisch ganz ausgezeichnet gemachte Serien. Dickens kann manchmal auch langweilig sein, sogar in «Bleakhouse».

Zum Schluss noch kurz zur NZZ.

Bitte.

Ihr Nachfolger René Scheu hat seinen ersten Artikel mit einem «Ich» eröffnet. Ein programmatisches «Ich»?

Jetzt beginnen Sie bereits die Personalpronomina zu analysieren!

Sie selbst haben erst relativ spät zum «Ich» gefunden.

Früher war das unerwünscht. Wenn es unbedingt sein musste, schrieb man: «Wir». «Wir erwägen.» Klingt wohl inzwischen etwas verblasen. Mit dem «Ich» bin ich immer noch äusserst sparsam.

Als Sie bei der NZZ begannen, war Fred Luchsinger noch Chefredaktor. Was wäre passiert, wenn Sie ihm ein «Ich» in die Zeitung geschmuggelt hätten?

Auf gut Deutsch: fertig lustig. Luch­singer war eine Autorität, ein sehr gescheiter Mann und produktiver Schreiber und manchmal auch gefürchtet. Er las die Artikel genau. Wenn ihm etwas nicht passte, vermerkte ers, mit Unterstreichungen, Frage- und Ausrufezeichen sowie anderen Kommentaren. Eben deshalb habe ich viel von ihm gelernt. Einmal schrieb Luchsinger sinngemäss: «Herr Meyer, schreiben Sie nicht so kompliziert, sagen Sie die Sache klar, deutlich und unverstellt, darin liegt Ihre Begabung!» Das nahm ich mir zu Herzen. Aber es hat wohl nicht immer und überall hingehalten. Die Sprache ist auch eine grosse Verführerin – und trägt damit bei zur Freude an einem Beruf, bei dem mir in über vierzig Jahren niemals langweilig geworden ist.

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