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Montag, 27.Juli 2015

Thema | Seite 2


Erfahrungen beim Verfassen eines Interviews

Wie wir Martin Walser im Sommer zum Gespräch getroffen und die Grenze des Sagbaren ausgelotet haben

Von Benedict Neff und Erik Ebneter, Potsdam

So könne man Martin Walser natürlich nicht interviewen, sagte uns ein Kollege, nachdem wir ihm die Transkription unseres Interviews gegeben hatten. So mit Auschwitz in die Tür zu fallen, wo man doch wisse, dass Walser äusserst sensibel auf dieses Thema reagiere. Überhaupt, den grössten lebenden deutschen Schriftsteller in die Ecke treiben zu wollen, das müsse notgedrungen zu grösster Verstimmung führen, zumal bei einem hochempfindlichen Geist wie ihm.

Das Interview mit Martin Walser war merkwürdig. Nach kürzester Zeit stand es vor dem Abbruch, und dann ging das Gespräch doch irgendwie weiter, mäandernd, ja wurde launig und fast versöhnlich, über zwei Stunden lang. Am Ende versetzte uns Walser einen kräftigen, kollegialen Puff auf die Schulter, nachdem er sich zuvor kaum vom Stuhl hatte erheben können. Noch mal gut gegangen, dachten wir. Der Riese schien besänftigt. Als wir wenige Tage später das Interview über den Rowohlt-Verlag zum Gegenlesen schickten, kam alsbald der Bescheid: Unpublizierbar! Dass uns Walser, ruhenden Auges, ein grosses Weizenbier vor sich, zuvor versichert hatte, er sei im Gegenlesen ganz unkompliziert, weil professionell: Das war die Pointe, die uns lachen liess im Zustand der Konsternation.

Wir trafen Walser an einem Samstag im Juli. Er war Gast eines Potsdamer Literatur-Festivals und wohnte in einem bayrischen Land-gasthaus, gelegen in einer grosszügigen Waldlichtung am Rand der Stadt, eine süddeutsche Exklave im preussischen Norden. Es war der bisher heisseste Tag des Jahres in der Mark Brandenburg, an die 35 Grad, die Sonne schien bis unter die Schädeldecke, und der Schweiss rann selbst bei Bewegungslosigkeit.

Ein unheimliches Aufbäumen

Walser kam eher unsicheren Schrittes in die Hotel-Lobby und sprach mit so leiser Stimme, dass man sich unweigerlich über die Austragung des Interviews sorgen musste. Das Gefühl legte sich schnell. Wie andere gescheite alte Herren kann sich auch Walser unheimlich aufbäumen, wenn der Körper ruhen darf und die Kraft des Geistes gefragt ist. Kaum lief das Aufnahmegerät, redete er in einer beeindruckenden Klarheit und Bestimmtheit, in einer Sprache, die keine Zufälligkeiten kennt und über eigene, sonderliche Codes verfügt (wie sich Walser zum Verb «verhalten» verhält, könnte Stoff einer Seminararbeit sein).

Uns interessierte seine Paulskirchenrede von 1998, zu der er sich jüngst im Spiegel, in der Zeit und in weiteren deutschen Zeitungen geäussert hatte. Damals, 1998, hatte Walser den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten und beim Festakt in der Frankfurter Paulskirche über seine «Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede» gesprochen. So unverfänglich der Titel seiner Rede klang, so aufgeregt waren die Reaktionen auf deren Inhalt. Walser habe «Cruise Missiles der Moral» ausgelöst, resümierte die Weltwoche einige Jahre später. Bis heute zitiert wird folgender Satz der Rede: «Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.»

Bald diskutierte halb Deutschland, ob Walser ein Krypto-Antisemit sei, und als er vier Jahre später den Roman «Tod eines Kritikers» veröffentlichte (eine Auseinandersetzung mit dem deutsch-jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki), schien der Beweis für viele seiner Gegner geführt. Der Vorwurf des «Antisemitismus» blieb zumindest ex negativo an ihm ­kleben, bis heute heisst es hier und dort, Walser sei «kein Antisemit». In Walsers Ohren, dachten wir, muss ein solcher Satz ähnlich grotesk klingen wie die Feststellung, er sei keine Frau. Diese andauernde Betonung des Selbstverständlichen kann nur verletzend sein, meinten wir, und wir verstanden seine jüngsten Interviews als letztes Aufbäumen gegen diese Lesart seines Werks, als ein Kampf um sein Vermächtnis.

Also fragten wir zum Einstieg: «Warum lässt Sie das Thema nicht los? Plagt es den alten Mann am Lebensende?» Die Frage war provokativ, die Antwort dezidiert: Er sage dazu null. Die Gemütlichkeit, die Walser vom Bodensee nach Brandenburg zu bringen schien (man trank Bier), war schon nach zwei Minuten verflogen. Null – diese Zahl betonte er sehr stark. Sich dazu zu äussern, bedeute immer die Fortsetzung, Fortsetzung, Fortsetzung. Er streiche alles aus dem Interview, was mit dieser Rede zu tun habe, und ärgerte sich, dass sein sogenannt normales Textangebot nicht genüge – womit er alles ausser seiner Pauls- kirchenrede meinte.

Ein widersprüchliches Wesen

Aber der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen, und warum sollte das für Gross-Schriftsteller nicht gelten? Walser selbst kam mehrmals auf die Rede zu sprechen, etwa als er das Buch «Unser Auschwitz» erwähnte, das er 2015 veröffentlicht hat. Es enthält seine Texte zu diesem Thema, geschrieben über die letzten sechs Jahrzehnte. Er erklärte uns, dass er das Buch auf Geheiss seines Verlegers herausgegeben habe. Offenbar hatte dieser ihm empfohlen, er solle seine Arbeiten hierzu gebündelt vorlegen, damit ihn Journalisten nicht mehr behandeln können, als sei er mit der Paulskirchenrede auf die Welt gekommen. Wenn wir nun wieder nur über diesen Dreck, der substanzlos sei, mit ihm reden wollten, dann – er zeigte mit dem Finger auf den Ausgang.

So herrisch seine Worte klangen, so gebieterisch seine Geste wirkte, hatte Walser zugleich etwas Grossväterlich-Mildes, ja Ironisches. Selbstverständlich hatten wir seine Paulskirchenrede gelesen, nicht aber sein neues Buch, was wir auf Nachfrage gerne einräumten. Walser spielte den Empörten: Das sei eine Informationspflicht, um mit ihm über dieses Thema überhaupt reden zu dürfen! Jetzt seien wir mal ganz schlecht dran, schimpfte er – und begann sogleich von seiner Karriere als junger Reporter zu erzählen, als wollte er uns, die wir über ein halbes Jahrhundert jünger sind als er, einen Ausweg aus der verfahrenen Situation weisen.

Als junger Mann sei er Kultur- Reporter beim Radio gewesen und von seinen prominenten Interviewpartnern oft schlecht behandelt worden. So sei es in Stuttgart einmal zu einem Rencontre mit Herbert von Karajan gekommen, dem weltberühmten Dirigenten. Walser sollte mit Karajan ein kurzes Interview vor einem Konzert führen. Es sei Hochwinter gewesen, er habe ein Knie im Gips gehabt und sei mit seinem langen Mantel und dem kilometerlangen Mikrofonkabel über die Bühne gehumpelt. Dabei habe er versehentlich die Notenständer der Musiker abgemäht. Man könne sich vorstellen, wie ihn Karajan auf der anderen Bühnenseite empfangen habe. So werde er uns nicht behandeln. Walser, der Intellektuelle, objektivierte seinen Ärger und solidarisierte sich mit uns. Wir lächelten – und nahmen einen Schluck Bier.

Es folgte eine charmante Reflexion über das Wesen des Interviews. Walser erzählte von seinem Ehrgeiz als junger Radio-Mann: wie er einmal den Zwang der Routine zerschmettern, wie er einen Ton finden wollte, den es noch in keinem Interview gegeben habe – aber jedes Mal sei das Interview vorbei und der Ton wieder nicht da gewesen. Er sei immer gescheitert, wie er beteuerte, aus Unfähigkeit für den Beruf, aus angeborener Langsamkeit, weil es nie stimmte – wie es eben auch an diesem Tag in Potsdam nicht stimme, weil wir natürlich schon am falschen Tisch sässen, unter den falschen Umständen und so weiter. Wahrscheinlich aber sei das alles nur eine romantische Vorstellung.

Das Gespräch plätscherte von Stuttgart zum Bodensee und weiter nach Königsberg, in die DDR, zur Wiedervereinigung und Willy Brandt. Wir waren einzig beflissen, nicht in den nächsten Hammer zu laufen.

Ein begnadeter Schweiger

Nach gut einer Stunde: Schweigen, sehr langes Schweigen, wie Walser überhaupt ein begnadeter Schweiger sein kann. Mit ihm zusammen kann man Pausen aushalten, über deren Länge man sich nur wundern kann. Aber das war gerade der Reiz des Gesprächs: Eigentlich war es ein zweistündiges Sprechen über Sprache und Schweigen, über die Unfähigkeit sagen zu können, was man sagen möchte und müsste. Irgendwann unterbrachen wir die Stille und fragten, ob er noch etwas anfügen wolle. Dies sei möglicherweise der Fall, meinte Walser und redete eine weitere Stunde über dies und das – die Schönheit von Angela Merkel im Zustand des Denkens (er spüre bei ihr eine historische Ausgezeichnetheit), ein Treffen mit Helmut Kohl (der ein stün­diges rhetorisches Trommelfeuer losgelassen und vom Gast das Schweigen geradezu eingefordert habe) und die Fernsehauftritte von Jörg Haider (der ihm imponiert habe, weil er so unaufgeregt gewesen sei – und den er unheimlich schön gefunden habe, als er, Haider, einmal in Tracht vor die Kamera getreten sei und Volkslieder gesungen habe, obschon das natürlich lächerlich klinge).

So entspannt war die Stimmung inzwischen, dass wir uns trauten, ein weiteres Thema anzusprechen, von dem wir annehmen mussten, dass er es als unzumutbar zurückweisen würde: sein Aussehen. Das Walser-Porträt ist schon fast ein literarisches Genre, die verwitterten Hüte, die waldigen Brauen – die Zeit hat an seinem Kopf gearbeitet. Seine Augenbrauen müssen sein Gesichtsfeld, ohne Übertreibung, erheblich einschränken, sie umschliessen seine Augen mit einem Pelz, denn schon unter den Lidansätzen wachsen einzelne lange Barthaare, die Walser bei der Rasur aus unbekannten Gründen stehen lässt. Es war, als würde man mit einem äusserst seltenen, kauzigen Lebewesen sprechen, das sich ausgesprochen fein auszudrücken vermag – und bei Bedarf auch entschieden: Auf sein Äusseres angesprochen, beschied uns Walser, er halte sich für nicht mehr fotografierbar. Punkt.

Irgendwann, wir sprachen gerade über seine Fernseh-Gewohnheiten, blickte er auf seine schöne Glashütte- Uhr. Er sei zum Essen verabredet und schon eine Viertelstunde überfällig. Man verabschiedete sich, und auf der Rückfahrt waren wir uns einig, kein grosses, wichtiges Gespräch geführt, aber doch Rohmaterial gesammelt zu haben, mit dem sich ein Interview modellieren liesse, das lesenswert sein dürfte – und vielleicht gar: anders als die üblichen Walser-Gespräche, jenem Ideal sich nähern könne, das Walser als Reporter selbst immer gesucht hatte. Ein Gespräch mit einem eigenen Ton.

Sein Verlag und er waren anderer Meinung. Über die Gründe können wir nur spekulieren, der Wunsch nach einem klärenden Telefonat mit Walser wurde abgeschlagen. Rowohlt argumentierte, wir hätten uns nicht daran gehalten, nur über sein Werk zu sprechen, was nur ein Vorwand sein konnte, waren doch gerade die Passagen zum Werk – zur Paulskirchenrede, zum nächsten Buch («Ein sterbender Mann») – von Walser durchgestrichen worden.

Insistierte der Verlag, weil Walser im Interview die Paulskirchenrede nicht thematisiert sehen wollte und am Ende harmlos zwar, aber doch provokativ für Jörg Haider zu schwärmen anhob, den verstorbenen österreichischen Rechtspopulisten, der gerne an der Grenze zum Antisemitismus entlanggewandelt war? Oder war es eher ein Fall von zeitversetzter Verstimmung, wo einer, Walser, erst die empörende Zumutung gewärtigte, die ihm widerfahren zu sein schien, als er abends im Bett lag, oder tags darauf, als er das Gespräch schwarz auf weiss lesen musste? Wie ihn zwei junge Journalisten fragten, ob ihn Auschwitz plage am Lebensende?

Nach dem Unpublizierbar-Veto gingen die Mails hin und her, ohne dass man sich näherkam. Man erörterte und umkämpfte vor allem die Frage, was «Autorisieren» bedeute. Sehr lange noch wechselte man «beste Grüsse», bis wir am Schluss «freundliche Grüsse» für angemessener hielten. Der Verlag stellte sich auf den Standpunkt, dass Autorisieren auch bedeuten könne, ein Interview ganz zurückzuziehen. Wir hingegen sind der Meinung, dass der Interviewte mit dem Recht zu ­autorisieren kleinere Veränderungen, sprachliche Präzisierungen und dergleichen anbringen kann – dass aber der Grundsatz gilt: Gesagt ist gesagt. Auf diesen Standpunkt stellt sich auch der Schweizer Presserat.

Ein schreiend weisses Blatt

Tags darauf schrieb die Rowohlt-Verantwortliche: «Bitte bestätigen Sie bis um 12 Uhr, dass der unautorisierte Text nicht erscheinen wird», ansonsten man «gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen» werde. Der autorisierte Text, das war für Rowohlt ein schreiend weisses Blatt, Schweigen. Der unautorisierte Text hingegen war ein Gespräch über die Paulskirchenrede, Herbert von Karajan, Angela Merkel und vieles mehr, vor allem aber, und in der Hauptsache: ein unterhaltsames Sinnieren über die Grenze des Sagbaren.

Mit Blick auf den Inhalt des Interviews wirkte die juristische Drohkulisse irrwitzig. Wir rangen mit einer Entscheidung. Da war das Recht, das wir auf unserer Seite sahen, und die Arbeit, die für nichts gewesen sein sollte, andererseits schien uns ein juristischer Kleinkrieg übertrieben. Im Deutsch der Juristen schrieben wir: «Wir haben uns entschlossen, das Interview mit Herrn Walser nicht zu publizieren. Dieser Entscheid erfolgt ohne Anerkennung der von Ihnen geschilderten Sach- und Rechtslage. Eine Berichterstattung über die Umstände dieser Angelegenheit behalten wir uns ausdrücklich vor. Freundliche Grüsse.»

Als Kompromiss bot Walser ein neuerliches Gespräch an. Wir lehnten ab. Die Aussicht, diesmal den richtigen Ton zu finden, schien uns zu ungewiss. Am Ende würde man doch wieder nur am falschen Tisch sitzen.

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