«Hunkeler macht Sachen» und dockt ans Altvertraut-Ungewisse an

Liest (und schreibt): Hansjörg Schneider. Foto Beat Zimmermann
Bern. SFD/BaZ. Auch in Hansjörg Schneiders fünftem Hunkeler-Krimi «Hunkeler macht Sachen» löst der Basler Gemüts-Kommissär seinen Fall mit Herz statt Hirn.

Am besten nachdenken kann Peter Hunkeler nach einem guten Essen, ein paar Bieren in der Kaschemme oder nach einer Kuschelnacht mit einer warmherzigen Nutte. Da wo das wirkliche Leben ist, bei den Aussenseitern und Unterprivilegierten, erfährt und erspürt er allemal mehr als jeder Hightech-Kriminaler.

Hunkelers erste Devise lautet stets: Wo es um Menschen geht, gibt es keine einfache Lösung. Als der Mord am Herumtreiber Hardy von Medien und Stadtpolizei vorschnell als Tat einer albanischen Schmugglerbande klassifiziert wird, wächst in ihm sogleich der Widerspruch.

Der Kommissär «dockt an ans altvertraute Ungewisse, in dem er sich heimisch fühlt». Erst recht, nachdem er wegen seiner unorthodoxen Methoden - was macht er auch für Sachen! - suspensiert wird.

Und er stösst schon bald auf Parallelen: Einer kürzlich ermordeten Prostituierten war wie beim armen Hardy ein Ohrstecker aus dem Läppchen geschnitten worden. Es stellt sich heraus, dass das eventuell an eine alte juristische Praxis erinnern soll: Bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Landstreicher mit einem Schlitz im Ohr markiert.

Doch der Weg zur überraschenden Lösung - sie führt in ein dunkles Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte - ist weit. Spuren führen in die Irre, Akten von ganz gewöhnlichen Menschen sind als geheim klassifiziert, ein scheinbar hilfreicher Informant entpuppt sich als seelisch tief verletztes Schlitzohr und Kürbiskerne sind nicht nur für die Prostata gut.

Traurig-zärtlich

Hansjörg Schneider beherrscht das Handwerk, Spannung zu weben. Und als routinierter Dramatiker, der er ja auch noch ist, hat er ein untrügliches Gespür fürs Szenische. Kein Wunder, werden derzeit seine beiden letzten Krimis «Das Paar im Kahn» und «Tod einer Ärztin» verfilmt - mit Matthias Gnädinger, der wie kein anderer in die Rolle des empfindsamen Bullen passt.

Was Schneider in die Nähe der ganz grossen Kollegen Glauser und Dürrenmatt rückt, ist nicht nur die Verbundenheit der Kommissare Hunkeler, Studer und Bärlach im gemeinsamen Kummer um den Zustand der Gesellschaft und in der Empathie mit denen ganz unten. Was Schneider vielleicht noch besser gelingt als den andern beiden ist eine Atmosphäre herzustellen, in der diese traurig-zärtliche Stimmung unentwegt präsent bleibt.

Als Bonus bekommt man darüberhinaus einen Detailreichtum geliefert, der das Buch auch als Stadt- und Restaurantführer tauglich macht.

Hansjörg Schneider, «Hunkeler macht Sachen». Ammann Verlag, Zürich 2004, 304 Seiten, Fr. 34.90.


© baz.online