Thomas Hürlimann: «Vierzig Rosen»

Bern. SFD/baz. Mit seinem neuen Roman «Vierzig Rosen» erweitert Thomas Hürlimann seine Bücher «Der grosse Kater» und «Fräulein Stark» um neue Episoden aus dem Familienleben. Aber der Autor hütet sich vor einer simplen Fortschreibung.

Alljährlich klingelte am 29. August der Blumenbote und überbrachte Marie die Geburtstagsgrüsse ihres Mannes. Seit einigen Jahren waren es stets vierzig Rosen, die über ihr fortschreitendes Alter hinwegschmeicheln sollten.

Max hatte sich einst in sie verliebt, weil er in ihr die geborene «First Lady» für seine politischen Ambitionen erkannte. Sie sollte ihn nicht enttäuschen. Max regierte und Marie ebnete ihm die Wege dazu.

Spiel mit dem Leben

Es ist kein Geheimnis, dass Thomas Hürlimann gerne aus dem Fundus der eigenen Familiengeschichte schöpft. Seit dem fulminanten Debüt «Die Tessinerin» kreist seine Prosa um autobiographische Konstellationen: den mächtigen Vater, den jung verstorbenen Bruder, die willensstarke Mutter, das heimische Schein-Idyll.

Der neue Roman macht hier keine Ausnahme. Doch Vorsicht ist geboten, denn Hürlimanns Wappentier ist die Katze, die den Autor ebenso wie die Leser ins Zwielicht der autobiogaphischen Fiktion entführt. Gemessen an den beiden letzten Büchern lässt «Vierzig Rosen» tatsächlich ein paar Dissonanzen erkennen.

Erfolgreiches Paar

Im Zentrum agiert Marie, die Frau, die hinter dem «Kater» stand und dessen politischer Karriere den entscheidenden Schwung verlieh. Sie war die Tochter des letzten aus dem Stamm der «Katzen», der jüdischen Konfektionsdynastie, deren Vorfahren einst aus Galizien eingewandert waren. Ihr Grossvater, der «Seidenkatz», hatte sich im Städtchen mit feinsten Stoffen ein kleines Reich begründet.

Seiner Enkelin blieben davon materiell nur noch Reste, doch der grossväterliche Wille hatte sich ihr vererbt. Als sie unter turbulenten Umständen Max Meier begegnete, packte sie die Chance. Sie besass das Knowhow, er die Ambition, gemeinsam machten sie Karriere - auch wenn Max ihre Hilfe ganz unbescheiden für eigenes Verdienst hielt.

Doppelleben

Max wurde schliesslich nach Bern gewählt. Marie blieb zurück im Städtchen, wo jeweils am 29. August der Blumenbote klingelte. Abends stieg dann im Berner Hotel Grand die Party - seit Jahren zum vierzigsten Geburtstag, wie in einer Wiederholungsschlaufe. Marie hielt durch: «Sie hielt immer durch.»

Sie entschädigte sich dafür, dass sie ein Doppelleben führte: «Ein Leben nach aussen, eins nach innen, und eigentlich lief es wunderbar.» Aber zusehends wuchs die Kluft zwischen der offiziellen «Spiegel-Marie» und ihrem Alter ego, der mondänen «Sternen-Marie».

Das Buch der Mutter

«Man muss sozusagen die Wahrheit lügen», hat Thomas Hürlimann einmal geäussert, weil sich das reale Geschehen gar nicht erzählen lässt. Dies signalisiert der neue Roman, indem er zwar auf die beiden vorangegangenen Bücher Bezug nimmt, deren Fiktion aber variiert und verändert.

«Vierzig Rosen» setzt seiner Mutter ein schönes Denkmal. Der Autor erweist sich dabei von neuem als souveräner Stilist, der sein Gefühl für Leitmotive, Komposition und Stil eindrücklich unter Beweis stellt.

«Vierzig Rosen» ist das graziöse, anmutige Gegenstück zum brisanten Kater-Roman einerseits, andererseits die Forterzählung der Katzschen Familiengeschichte aus «Fräulein Stark». Hürlimann erzählt im Kern diese Geschichten nochmals, aber aus veränderter Perspektive, mit der Mutter im «Glutkern» der Aufmerksamkeit des Erzählers.

Thomas Hürlimann: Vierzig Rosen. Roman. Ammann Verlag, Zürich 2006. 364 Seiten, 34.90 Franken.


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