
Vom Hoch und Tief im Fussball
und von Fouls
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-minu
Genetisch ist das Ganze ein Fehlpass. Oder ein Lattenschuss.
Na – ist das Tor gefallen? ICH REDE VOM FUSSBALL. Schon mein lieber Vater hat dem Neugeborenen als Erstes die Waden abgeknetet. «Herrliche Beine!» NUN GUT. BEI MEINEM ERZEUGER WAR DAS ALLTAGSGESÜLZE BEI JEDER ZWEITEN BILLETTEUSE.
Ich jedoch war keine Billetteuse. Ich lag als frisch gelegter Dreizehnpfünder im Frauenspital. Der gewichtige Kleine hatte bei seinem ersten Auftritt der Mutter nicht viel Freude, aber eine Kolik mitgebracht.
ES WAR NICHT DAS, WAS SICH DIE WELT UNTER EINER SCHÖNEN GEBURT VORGESTELLT HATTE. Kamen noch ein Eierkopf und die Glatze dazu.
Mein Vater, dem die Nachricht der Geburt zwischen Allschwilerplatz und Morgarten-Depot entgegengebrüllt wurde, warf jegliche Arbeitsdisziplin über den Haufen. Er verliess Pflicht und Cockpit. Der 6er stand plötzlich führungslos vor der Bäckerei Schneiderhahn auf den Schienen, was die geschäftstüchtige Torten-Tante auch sofort ausnutzte, indem sie den leicht geschockten Passagieren Studentenschnitten vom Vortage andrehte.
Noch monatelang sprach man in den Gewerkschaften vom Tag, als der Basler Tramverkehr durch eine Geburt lahmgelegt wurde, als «Studentenschnitten-Streik». Jedenfalls standen die grünen Schlitten bereits bis Allschwil Kirche gemütlich Schlange, als mein Vater total ausser Atem mit einem hundedreckbraunen, ledernen Fussball in der Abteilung «Frischgelegtes» ins Frauenspital platzte: «WO IST ER?!»
Als wir einander sahen, war der Schock auf beiden Seiten. Und Mutter, die schwitzend und weiss wie eine Kalkabsonderung in den Daunen stöhnte, wisperte nur leise: «Hans, es sehen alle so aus!» Nun gut. So hat man mir jedes zweite Jahr an den Familientagen mit lautem «Weisst du, was der grösste Schock nach dem Krieg war?!» die Geburt des Kindes geschildert. Es wurde dann auch gleich noch das erste Foul an die Story angehängt: «…und als dein Vater die Waden sah, hat er sich zu seiner Frau gedreht: ‹Er hat Fussballerbeine, Lotti – wenigstens das›.» Dann hat er ihr die drei roten Nelken aufs Bett gelegt und sich sofort aus dem Staub gemacht, um bei Franz Carl Weber ein Geschenk für den Knaben zu holen. NA JA – IHR AHNT ES: ES WAR DER FUSSBALL!
Muss sich keiner wundern, wenn ich später nach plüschigen Rosabären lechzte. Ich konnte kaum stehen, als mein Vater mir Kopfbälle zujagte und keinen blassen Dunst hatte, dass dieses schöne Haupt zu anderem erkoren war – es sollte Jahrzehnte später Rezepte ausbrüten, die in ihrer Trefferquote fast noch schlimmer waren als die Torchancen beim FC Kuonisbergli nach einem Polterabend.
In der Schule war ich dieses Kind, über das Shakespeare ein weiteres Drama hätte schreiben können, wenn er ihm begegnet wäre (was aus zeittechnischen Gründen leider im Out lag). Es gab
im Fach Turnen zwei Abteilungen: KNABEN. Dann noch: MÄDCHEN. Leider nichts dazwischen.
Ich habe mir sagen lassen, dass dem auch heute noch so ist, und muss mich doch sehr wundern: Es werden Walfische und Nasenbären geschützt. Man verschachert Nieren wie Frischlegeeier und hat die Zahnpasta für Mondfahrer erfunden – ABER NOCH IMMER GIBT ES NUR KNABEN- UND MÄDCHENSPORT. Und dieses furchtbare Bild von dem einsamen Knaben, der als Letzter in die Fussballmannschaft aufgerufen wird und den die Buben mit jenem Blick anstieren, bei dem jeder wild gewordene Rottweiler als sanftes Schosshündchen durchgehen würde. «AM BESTEN DU BEWEGST DICH GAR NICHT, DU PFEIFE. UND WENN DU WIEDER AUFS EIGENE GOAL SCHIESST, NUR WEIL DORT KEINER DRIN STEHT, DANN MACHEN WIR DICH ZUM HACKBRATEN!»
Wen wunderts, dass sich das Kind Plattfüsse und die Turndispens zuzog?
Am grausamsten schlug das Schicksal in der Pubertät zu, als der untalentierte Bub für einen Linksaussen schwärmte. Damals hat der Pubertierende Monate auf dem Fussballfeld verbracht, bis es endlich zum Schuss kam. Ja, der ahnungslose Vater glaubte damals an die Wende zum Guten («Man kriegt ihn ja gar nicht mehr vom Rasen») und entschuldigte gar meine miesen Zeugnisse mit den Worten: «Sepp Hügi hat auch nie Sechsen geschrieben!» Er ahnte nicht, dass die schlechten Noten und eine wackelnde Matur auf Linksaussen basierten. Und als ers dann rausbekam, war das Spiel eh schon zu Ende: DER LINKSAUSSEN WURDE NACH GRÖNLAND TRANSFERIERT UND DAS KIND WAR MITTEN IM SPIEL AUSGEWECHSELT WORDEN! Ja, wenn ich sage, dass Frau Beckham keinen einfachen Job hat, dann weiss ich weiss Gott, wovon ich rede.
Künftig hielt ich mich von allen Fussballfeldern fern und schaute mir meinen Lieblingsclub nur noch auf der Tabelle an. Und selbst als die Vereinsobfrau Gigi mich anflehte. «Ich garantiere dir ein Interview in der Grossdusche direkt nach dem Spiel – ABER KOMM!», ja als gar der ganze Club eine signierte ROTBLAUE Postkarte mit dem Schlagertitel «OHHHH WANN KOMMST DU…?» per Velokurier schicken liess – da konnte ich nicht anders: Ich zog meine Thermounterhosen an. Und vergessen waren die entsetzlichen Momente, als keiner mich in seiner Mannschaft haben wollte… vergessen der transferierte Linksaussen… ALLES VERGESSEN! DENN SIE KACHELTEN DIE GEGNER MIT 4:0 INS OUT.
Als ich wie ein wild gewordener Gummiball mit der Muttenzer Kurve hüpfte und meine fünfte Bratwurst sich in all der Aufregung im Bauchpiercing meines Nachbarn verhedderte, da erkannte ich: FUSSBALL IST DOCH WUNDERBAR. Du hast bis anhin nur die falschen Spieler kennengelernt.
Zu Hause wartete Innocent ungeduldig und leicht säuerlich mit zwei angeschwärzten Käseschnitten: «Um Himmels willen – wie siehst du denn aus? Ist das Senf in deinem Haar?»
Es gibt Menschen, die werden Fussball nie kapieren!
Mimpfeli
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