minu

Von der Sechser-Tram-Erziehung
und Flecken auf Jil Sander

Zoom  

-minu

Donnerstag. – Es war wieder mal so eine Einladung: Weisser Damast. Blütenrein wie eine frisch entfaltete Knospe. Als ich mich vom Tisch erhob, warf mir der Gastgeber einen Blick zu, der einen Waffenschein benötigt hätte: Auf dem weissen Tischtuch an meinem Platz sah es aus, als hätte eine Kuh draufgeschissen. ICH WEISS NICHT, WIE ES PASSIERT. ABER ES PASSIERT IMMER. UND IMMER MIR.
Auf dem Heimweg schoss dann auch Innocent die Kugeln aus allen Rohren: «UMSHIMMELSWILLEN… WENN DICH EINER ZU TISCH BITTET, KANN ER DIE WASCHFRAU FÜR DEN ANDERN TAG GLEICH MITBUCHEN! Schau dir dein Hemd an – überall Sauce…»
«Die Sauce war viel zu salzig!»
«Lenk nicht vom Thema ab. Das Thema heisst: WESHALB ISST DU WIE DIE LETZTE SAU!?» Ich schweige beleidigt. Und schäle mir pickiert ein verirrtes Reiskorn aus der Krawatte. (Der Reis war übrigens ebenfalls arg überwürzt. Wenn man eine Sauce hat, die mit einem teuren Trüffelparfum brillieren soll, darf der Reis nur die neutrale Basis fürs Geschmacksbouquet sein und…)
«ICH HABE GESAGT: DU SOLLST NICHT VON DEINER SAUEREI ABLENKEN! Das kommt daher, weil du so schnell isst… was sagt dein Psychiater dazu?»
Mein Seelenklempner meint, die schnelle Esserei sei das Resultat einer unbewussten Angst, ich würde zu kurz kommen.
KLEINE RÜCKBLENDE. Liege bei Doktor Klempner auf der Coach. Er kaut an seinem Bleistift. «An was denken Sie, wenn Sie ein Wiener Schnitzel vor sich haben?»
«Hoffentlich hat es keine Sardelle drauf!» Es ist nicht die Antwort, die Doktor Klempner hören wollte. «Ich möchte wissen – fühlen Sie sich bedroht? Fürchten Sie, das Schnitzel nie geniessen zu können, weil jemand hinter ihnen lauert und ausgerechnet Ihr Schnitzel gerne haben möchte…?» «Wenn eine Sardelle draufgelegen hat, kann ers gerne haben…»
Herr Klempner beisst in seiner Verzweiflung das Bleistift durch. Und ich kann mir die Frage nicht verkneifen: «Lauert hinter Ihnen jemand, der auf das Bleistift scharf ist…» ENDE DES DRAMAS. Und eine Rechnung, die so übersalzen war, wie die erwähnte Sauce.
«… als dir der Fleischbrocken ins Glas fiel und der Rotwein rumspritzte wie ein verrückt gewordener Rasensprenger, hat die Dame neben mir eine zynische Bemerkung über ‹Kinderstube und Sechsertram› gemacht.»
DAS WAR KEINE DAME! Diese überkandidelte Schnepfe ging mir schon beim Apero zünftig auf den Wecker. Mit ihren fast 80 Lenzen will sie 50 Kilo halten und wie 30 aussehen – MIT DIESER PHYSIKALISCHEN FORMEL HOLST DU DIR KEINEN NOBELPREIS!
Jedenfalls lippelte sie stoisch an einem Radieschen rum, derweil ich bereits eine Platte mit Krabbenmousse-Canapés sowie eine halbe Schale geröstete Salzhaselnüsse reingehoovert hatte. Salzhaselnüsse haben den Vorteil: Sie sind kleckertechnisch harmlos.
ANDERS DIE KRABBENMOUSSE-CANAPES. Wenn da einer zu gierig reinbeisst, kann es schon mal passieren, dass das Brötchen auseinanderflutscht. Ok – es ist dann – BINGO! – ein Volltreffer, wenn das Krabben-Mayo-Geschoss auf dem Jil-Sander-Kostüm der Schnepfe landet und alles hysterisch rumrennt: «Sofort kaltes Wasser… nein. Nicht reiben…. hat jemand Trockenspray in der Tasche?» Innocent hatte. Aber da er die Ohren an Aperos immer ausschaltet und so alles nur leicht vernebelt mitbekommt, reichte er der Barbie-Omi mit eleganter Verbeugung ein Spraydöschen.. «Voilà!» Diese pfupfte damit hastig auf den Krabben-Mayo-Flecken in Jil Sanders Bauchgegend herum, bis unser Freund, diese gute Seele, sie unterbrach. «Was machen Sie denn mit meinem Mundspray!?»
Ich hätte ihn daraufhin noch einmal heiraten können!
Klar, dass die Jil-Sander-Tussi danach nicht gut auf uns zu sprechen war. Und am Tisch schrill auflachte, als mein Fleischbissen ins Glas plumpste. Eben da soll sie dann die Bemerkung über die Erziehung mit dem Sechsertram gemacht haben. Doch in einem Land, das auch keine Minarette toleriert, nehme ich solche hysterischen Ausrufe gelassen.
Zugegeben – schon die liebe Mama hatte Mühe mit der Feinesserei. Sie, die von vornehmer Seite aus dem Geschlecht der Meyers mit Ypsilon kam, pflasterte sich bei jedem Essen den üppigen Busen derart mit Saucenflecken voll, dass die vor dem Dinner noch unifarbige Bluse immer wieder neue Muster aufwarf. Freddy, der Familienschneider, hat ihr daraufhin ein Deux-Pièces mit mehreren Brustteil-Einlagen entworfen. War es passiert, konnte die Mama einfach – ritschratsch! – den verkleckerten Teil dank eines Druckknopfsystems abreissen. Darunter funkelte der Ersatz – blütenweiss!
«DU HAST NICHT DEN BUSEN DEINER MUTTER!» – nervte sich Innocent, als ich ihm die genetisch bedingte Fehlanzeige punkto Essbegabung analysieren wollte. «Du schnörrst einfach zu viel beim Essen. Und fuchtelst mit der Gabel rum. Das tun nur Proleten und Uni-Dozenten!»
Das Resultat solcher Esserei ist jedenfalls ernüchternd. Während mich die Barbie-Omi zu Beginn der Einladung mit einem schrillen: «Ach da sind Sie ja – ich habe ihren Zwetschgenauflauf im Fernsehen gesehen!» noch an sich drückte, hielt sich die Freude beim Abschied in Grenzen: «Kommen Sie mir nicht zu nahe… meine Chanel-Pumps will ich fleckenfrei heimbringen.» Dann verabschiedete sie mich mit einem Klaps auf den Hintern. DAS WIEDERUM WÄRE BEI EINER ERZIEHUNG MIT DEM SECHSERTRAM NIE PASSIERT!

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