
Vom Feilschen in Damaskus und einem alten Gaul in Petra
Donnerstag. – Es ist wunderbar, im Orient dick zu sein.
DIE MENSCHEN ZOLLEN JEDEM ÜBERFLÜSSIGEN PFUND DEN RESPEKT, DEN EIN SOLCHES VERDIENT.
Anders gesagt: Sie fahren total auf unsere Schwarten ab.
Sie fahren auch ab auf weisse Haare, grüne Augen und Altersfalten. Somit behandeln sie Innocent wie den herumwandelnden Propheten. UND ER GENIESSTS BIS INS LETZTE GRAMM.
Wenn wir irgendwo ein Glas Granatapfelsaft oder einen Minztee möchten, braucht Innocent nur leicht zu röcheln. Sich die Hand ans Herz zu halten. Und mit den Lidern zu flattern.
SCHON EILT TOUT ARABIA HERBEI.
Die Männer schleppen Sessel und Stühle an. Sie lagern selbst im wusligsten Suk-Treiben Innocents Beine hoch. Sie besprühen ihn mit diesen schweren Düften von Jasmin- und Oleanderessenzen. Und sie stopfen ihn mit goldtriefenden Honigkugeln, die Potenz und Herzstärke versprechen.
DIES ALLES NUR WEGEN EINES NIESANFALLS.
Seit er den Dreh mit dem Niesen raus hat, legt er mehrmals am Tag los.
Innocent setzt seine Schwarten, die weissen Haare und das leise Röcheln auch schamlos beim Feilschen um Teppichpreise, Glasperlen-Colliers oder Postkarten ein.
«Wie viel … how much?»
«Challa … challa.»
Innocent versteht natürlich nur Bahnhof. Im Basargewimmel von Damaskus hat er die Ohren schon längst auf «schlafen» gestellt. «Challa … challa.»
Innocent greift sich ans Herz. Verdreht die Augen – und schon geht das Theater los. «Challa … challa» – der Händler wuselt mit seinen tabakbraunen Fingern auf dem Taschenrechner rum. Immer neue Zahlen leuchten auf. Der Preis purzelt wie die UBS-Aktie … tief … tief … und noch tiefer … «Challa … challa» – verzweifelt schaut der Händler auf den japsenden Innocent.
Der aber verdreht bei jeder Zahl die Augen. Und stösst asthmatische Schnaufer aus. Man schickt mit lauten Rufen nach Tee. Nach eiskaltem Wasser. Nach gerösteten Sesamschnittchen. Zum Schluss schenken sie Innocent die Postkarten und stecken ihm noch ein Souvenirkamel für seine Grosskinder zu – «challa … challa, Allah sei mit diesem weisen Mann und seinen vielen Kindern».
Innocent nimmt das geschenkte Kamel mit der Würde einer Primadonna, die man mit Rosen empfängt. «Das gibt ein nettes Weihnachtspäckchen für meine Sekretärinnen …», flüstert er mir zu.
Man sagt, dass das Feilschen den Arabern Spass mache. Leute haben uns gewarnt: «Sie weinen … behaupten, sie würden weit unter dem Einstandspreis verkaufen, nur um ihren Kindern ein paar Bissen Brot geben zu können – UND SCHON HABEN SIE DICH ZEHNMAL ÜBERS OHR GEHAUEN»!
Innocent aber schlug alle. Sie küssten am Schluss der vierstündigen Feilschung ehrfurchtsvoll seine Hände, die immer einen Schein in den Fingern hielten – den aber nie losliessen …
Als Petra, diese verwunschene Totenstadt mit ihren nadelöhrschmalen und wolkenkratzerhohen Schluchten, uns erwartete, zog Innocent wieder die Schnaufnummer ab. Man setzte ihn auf einen Stein, fächelte seinem Gesicht mit Palmenblättern Luft zu und rief nach einem Pferd mit Kutsche.
Das Pferd hätte aber gut und gerne schon Innocents Grossmutter geritten haben können. Und die Dro schke war auf zwei Rädern aufgebaut, die rumeierten wie ein verbeulter Plattenspieler.
Als der Gaul dann gar noch auf den glatten Steinen ins Rutschen kam, hüpfte Innocent in Panik aus der Kiste. Und der Kutscher schrie überall herum, es sei ein Wunder geschehen – der lahme Alte könne wieder laufen.
Seine Rufe hallten durch alle Schluchten. Und von überall eilten nun Händler herbei. Denn diese Stadt, die von einem ckdt-Burckhardt vor mehr als zwei Jahrhunderten aus ihrem Totenschlaf geweckt worden war, ist heute entsetzlich lebendig. Die Jordanier haben in den letzten 30 Jahren ein Interlaken daraus gemacht. Aus jedem Tempelrest oder Herrschergrab winkt dir Santa Claus mit der Weihnachtsaktions-Cola entgegen. Die Kamele tragen hysterisch kreischende Amerikanerinnen durch die Sonne, und am Schluss des Zirkus sammelt eine jordanische Prinzessin Geld für «arme, kranke Pferde».
Noch immer umringen die Händler Innocent, der so waghalsig aus der Kutsche gehüpft ist. Und schon wieder will einer ihm eine dieser 2000 Jahre alten Bronzeschalen andrehen, die der chinesische Markt mit Luftfracht schickt. Innocent tut interessiert. Er beginnt schon mal vibrierend zu schnaufen … alles schreit nach Tee und frisch gepressten Zitronen. Ich sehe, wie sich die Verkäufer in Vorfreude die Hände reiben. UND KEINE SEKUNDE AHNEN, DASS DA EINER SIE BEIM FEILSCHEN LOCKER ABRÄUMEN WIRD.
Mimpfeli
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