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Von Alexew im Rollstuhl
und der Prinzessin

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Donnerstag. – Seit Neustem hockt Alexew im Rollstuhl.
Alexew gehört zur Via del Gesù wie die Alki-Runde am Marmortresen der Weinhandlung Corsi und die kleinen Jesus-Kinder, welche Padre Memmo, der hier ein Geschäftlein mit Pfaffenkleidern, Rosenkränzen und Altarkerzen führt, geschäftshungrig vor dem Fest ins Fenster legt.
Alexew kam vor 40 Jahren nach Rom. Als gläubiger Christ ist er in Irkutsk aufgewachsen. Das ist, als hätte man ein Leben im Eiskasten geführt. Jedenfalls hatte er vom Eis und der Kälte damaliger politischer Befehlshaber genug: «Ich wollte in die Wärme. Zur Sonne. An den Tiber!» Er sagt, die Liebe zur Kirche habe das Reiseziel seiner Flucht bestimmt – eine Liebe, die wie so viele Lieben, die Zeit abgekühlt hat. Über Ungarn ist er nach Österreich geflohen – und je mehr er von den kleinen Alkomix-Fläschlein, welche ihm die Quartierbewohner (und manchmal gar im Versteckten eine dieser schwarzgewandeten Nonnen, die im Nebelgrau auftauchen und dann gleich wieder abschwirren, sodass man nie weiss, war das jetzt eine Fatamorgana oder gläubige Realität), je mehr also Alexew von dem Teufelsgebräu gekippt hat, umso abenteuerlicher wird seine Fluchtgeschichte. Nach dem zwölften Wodka-Limonade-Gemisch haben die ungarischen Grenzpolizisten ihm bei der Grenze ins Bein geschossen. Und nach dem 20. Whisky pur hat ihn eine Prinzessin («aber nicht einfach so eine, sondern eine aus dem Stamme der Esterhazys!») bei ihrem Ausritt in einer Bärenfalle total geschunden gefunden. Aufs Pferd geschnallt. Und zu Hause in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung gesundgepflegt. Noch heute hat Alexew rote Äuglein, wenn er beim Erzählen in der Drei-Zimmer-Wohnung angelangt ist. Und alle wollen natürlich mehr wissen. Aber «sono un Messiö», hickst er mit dem Fläschlein am Mund, «e un Messiö schweigt!» Was wahr ist, ist wahr: Selbst 40 Whisky-Fläschlein können seine Lippen zu diesem Thema nicht entsiegeln. Es ist nie richtig klar geworden, wie Alexew sich in Rom zurechtfand. Aber seit jeher vegetieren hier etwa eine Million unangemeldeter Menschen von der Hand ins Nichts, und keiner weiss, wie sie überleben.
Die beste Zeit hatte Alexew – so erzählt er immer wieder –, als er «Luisa, diese heisse Hostesse der Alitalia» anbaggerte. Luisa brachte ihm von der Arbeit tonnenweise von den Fläschlein mit, welche den Fluggästen der ersten Klasse damals zum Kaffee angeboten wurden. Somit war Luisa eine klare Erst-Klasse-Frau – zumindest für Alexew.
Als Alexew erstmals in der Via del Gesù rumlungerte, unterschied er sich von den andern Bettlern, indem er die Leute nie ansprach. Und auch nie mit einem leeren Hut oder einem abgegriffenen Plastiktellerchen um Almosen bettelte. Er war einfach da. Lächelte die Menschen an. Und denen war es fast peinlich zu fragen, ob sie ihm irgendwie helfen könnten.
Natürlich gab es immer solche, die Alexew fast verschämt ein Nötlein zusteckten. Als er sich nachts vor die kleine Kirche beim Vico della Pigna auf einen Karton legte, schleppten Barmherzige alte Decken und die ansonsten ziemlich bissige Cartucci vom Korsettladen gar einen ungebrauchten Schlafsack an. Die kleine Strasse mit dem Kirchenplätzchen wurde zu Alexews Welt. Sein neues Heim. Als dann der polnische Papst die Grenzen zum Fallen brachte, als hoffnungsvolle russische Männer, Studenten aus Polen und Musikanten aus Rumänien plötzlich die alten römischen Pflaster bevölkerten, verfluchte Alexew die Emsigkeit des Papstes. Und wünschte sich nichts anderes als wieder Stacheldraht und Mauern herbei. Wie ein bissiger Hund verbellte er seine Landsleute, welche ihr Heimweh im Bier ersäuften – er verteidigte sein Revier.
Unvergesslich bleibt allen jener Moment, als die Polizei Alexew einsammeln und wegtransportieren wollte. Die damalige sozialistische Regierung hatte für die geschätzen 50 000 Obdachlosen in Rom einen gutherzigen Plan. Alte Kasernen wurden in Schlafstellen umgebaut – damit erledigte man zwei Fliegen auf einen Streich: Das unschöne Bild der bettelnden Menschen im Centro Storico wurde in ein Aussen-Ghetto weit weg von den zahlenden Touristen ausgelagert. Und für die anstehenden Wahlen gab die gutherzige Lösung ganz hip etwas her.
Aber Partei und Obrigkeit hatten die Rechnung ohne Alexew gemacht. Der tobte, protestierte, schrie laut, das seien Zustände wie im alten Moskau. Die Leute aus dem Quartier rannten herbei. Und sagten den Polizisten so einiges. Die führten Alexew weg. Der aber stand am andern Morgen grinsend wieder da. Noch in der Nacht war er aus dem Ghetto unweit von Ostia ausgerissen. Punkto Fluchterfahrung konnte ihm schliesslich keiner etwas vormachen. Und das hier war ein Kinderspiel – jedenfalls ist der Alkoholsegen der überglücklichen Anwohner nie stärker geflossen als an jenem Tag ...
Als ich jetzt aber Alexew sah, griff eine eiskalte Hand an mein Herz. Wie ein Häuflein Elend sass er in dem klapprigen Rollstuhl. Sein Gesicht ist eingefallen – seine Beine halten ihn nicht mehr.
«Es geht nicht mehr lange…», hat Franco, der Portiere, mir zugeflüstert. «Aber er will ums Verrecken nicht in ein Spital. Er will bei uns sein.» Ich ging zu «Corsi», kaufte eine Flasche vom besten Whisky und wollte sie Alexew zuschieben. Er lächelte müde. Schüttelte den Kopf. Die Nonne, die ihn mit warmen Decken in den Stuhl bettete, schaute mich finster an: «Das ist vorbei, Signore…» Sie nahm seine kalten Hände in ihre. Und sprach leise ein Ave Maria. Und da war plötzlich wieder dieses kleine Feuer in den Augen, wie damals, als uns Alexew von der Prinzessin erzählte.

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