Di, 29. Nov 2016 | Thema | Seite 2

«Luther stand auf für das, was er für wahr hielt»

Diarmaid MacCulloch über den deutschen Reformator, seine Schweizer Kollegen und den Papst als Reformer

Von Hansjörg Müller, Oxford

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Ein schlichteres Büro dürften nur wenige seiner Kollegen haben: Diarmaid MacCulloch, 65, weltberühmter Kirchenhistoriker und Autor eines monumentalen Standardwerkes über die Reformation, empfängt mich im Gibson Building der Universität Oxford, einem Zweckbau der Siebzigerjahre.

In diesem Ostblock-mässigen Ambiente haust die Theologische Fakultät. Eigentlich sollten sie schon längst ein neues Gebäude bezogen haben, doch dann habe sich die Universität entschieden, das Geld lieber für Stipendien auszugeben, erklärt MacCulloch. Er klingt nicht, als würde er das allzu sehr bedauern. «Der Geist weht, wo er will», heisst es im Johannes-Evangelium, warum also nicht auch im Gibson Building?

BaZ: Herr MacCulloch, schon jetzt feiern Deutschlands Protestanten Martin Luther, dabei jährt sich dessen Thesenanschlag erst Ende nächsten Jahres zum 500. Mal. Haben wir es wirklich mit einem solchen Jahrtausendereignis zu tun oder wäre die Reformation auch ohne Luthers Thesen möglich gewesen?

Diarmaid MacCulloch: Vermutlich hätte es ohne seine Thesen diese Explosion der Reformation nicht gegeben. Sie waren sicher eine Art Katalysator. Luther legte die bestehende Fragilität der alten Kirche offen, wie dies noch keiner vor ihm getan hatte. Dennoch machen die deutschen Lutheraner für meinen Geschmack nun etwas zu viel Aufhebens um dieses Ereignis. Dass es auch eine Schweizer Reformation gegeben hat, vergessen sie.

Brauchte es Luther, um Ulrich Zwingli zum Durchbruch zu verhelfen?

Ich bezweifle es. Man kann Zwinglis Bedeutung kaum überschätzen. Wenn Engländer an die Schweiz und die Reformation denken, dann fälschlicherweise an Genf, das zu jener Zeit gar nicht schweizerisch war, und an Jean Calvin, der gar kein Schweizer war. Dabei ist Zwingli sehr wichtig: Es gab eben zwei Arten des Protestantismus, den lutherischen und den reformierten, und der reformierte hatte seinen Ursprung in Zürich.

Manche meinen, die Schweiz verdanke ihre Identität dem reformierten Protestantismus. Umgekehrt hat der grosse Kulturhistoriker Egon Friedell seinem Kapitel über Luthers Reformation den Titel «Die deutsche Religion» gegeben.

Solche Zusammenhänge gibt es sicher. Ich glaube zwar nicht, dass die Reformation der Schweiz ihre Identität gegeben hat, aber dem Schweizer Protestantismus ganz sicher, und dies wirkte sich wiederum auf die Identität des Landes aus. Enorm wichtig für die Schweizer Reformation war die Idee einer gesellschaftlichen Übereinkunft, eines Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Vor allem Heinrich Bullinger hat das sehr betont. Entscheidend war dabei auch die Zustimmung des Volkes.

Also verlief die Schweizer Reformation demokratischer als die deutsche?

Auf jeden Fall: Das Volk entschied selbst über seine religiöse Identität. Das ist das Geschenk der Schweizer Reformation an die Kultur des Westens, denn der englische und der amerikanische Protestantismus sind in ihrem Charakter grösstenteils reformiert. Die lutherische Reformation wurde dagegen sehr bald von den Fürsten abhängig. Ein Fürst oder ein Stadtrat entschied, die Reformation verlief also von oben nach unten. Luther hatte sich schon sehr bald von der Idee abgewandt, dass die Reformation vom Volk ausgehen sollte.

Welche Rolle spielte Basel für die schweizerische Reformation?

Abgesehen von der Unterstützung einer grossen Stadt steuerte Basel nicht viel bei. Doch gegenüber der Idee der religiösen Toleranz war es offener als Zürich. Zürich war in dieser Hinsicht zwar auch nicht so schlecht, aber Basel tolerierte selbst Leute wie Sebastian Castellio, der Calvin dafür kritisierte, dass er Michel Servet verbrennen liess. Die Basler Autoritäten erlaubten solche Publikationen. Obwohl auch Basel eine offizielle Reformation hatte, gab es dort viel geistigen Spielraum. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass der Buchdruck der Stadt viel Geld einbrachte, doch dafür musste man ihm eben auch Freiheit lassen.

Das heutige Luther-Gedenken der deutschen Protestanten wirkt vielerorts reichlich naiv, um nicht zu sagen, verlogen. Luthers dunkle Seiten werden allzu oft ausgespart. Wie sehen Sie ihn?

Alles in allem positiv: Er lehnte sich gegen Tyrannei auf, er weigerte sich, zu schweigen. Er stand auf für das, was er für wahr hielt. Seine Tragödie bestand darin, dass er entdecken musste, wie schwer es ist, eine Revolution anzuführen. Das geht allen grossen Revolutionären so: Ihre Laufbahn endet in Enttäuschung. Das letzte Jahrzehnt seines Lebens war Luther schwer krank, das macht einen unleidig, zumal er ein aufbrausender Mensch war. 1543, drei Jahre vor seinem Tod, schrieb er schreck­liche antisemitische Pamphlete. Aber da war er nicht der Einzige.

War sein Antisemitismus ausgeprägter als der seiner Zeitgenossen?

Nein. Deutschland war voll von Antisemitismus. In seiner frühen Karriere hatte Luther über die Juden mit einiger Sympathie geschrieben. Er sagte das Offensichtliche, das aber viele in Europa lieber vergessen wollten: Dass Jesus Christus Jude gewesen war. Luthers später Antisemitismus war durch Enttäuschungen geprägt. Zu Beginn der Reformation dachte er, dass dies der Anfang vom Ende der Welt wäre. Gott würde alles ändern, und dazu würde auch gehören, dass die Juden Christen würden. Doch das taten sie nicht, und das nahm Luther ihnen übel.

Sie haben geschrieben, einige seiner Schriften seien «Blaupausen für die Kristallnacht» gewesen.

Luther forderte, Synagogen anzuzünden und jüdische Schriften zu verbrennen.

Ohne Luther kein Hitler?

Zumindest stand Luther existierenden antisemitischen Traditionen nicht im Weg. Reformierte Theologen waren dagegen alles in allem weniger antisemitisch. Unter den Reformierten gab es viele, die ihre Heimat verlassen mussten. Also identifizierten sie sich mit dem Volk Israel, das auch ins Exil gehen musste. Die Lutheraner hingegen waren ein statisches Volk, sowohl in den deutschen Fürsten­tümern und Reichsstädten als auch in Skandinavien und Osteuropa. Die Reformierten waren auch sehr viel abenteuerlustigere Denker. Worin Luthertum besteht, sagt ja schon der Name: Luther die Treue halten. Die Reformierten hingegen erforschten und hinterfragten ihren Glauben. Folglich interessierten sie sich auch dafür, was die Juden über bestimmte theologische Fragen dachten.

Also machte die Reformation manche Orte toleranter und andere intoleranter?

Genau. Oft ging es auch um das politische Gleichgewicht eines Ortes. Es gab Orte, an denen ein Herrscher ein Bekenntnis wollte, ob katholisch oder protestantisch. So war das bei den Lutheranern. Anders bei den Reformierten: Genf wurde innerhalb eines Jahrhunderts nach Calvins Reformation ein ausgesprochen toleranter Ort. Religiöse Toleranz entstand vor allem dort, wo die Mächtigen dem Klerus nicht zu all zu viel Macht geben wollten und folglich diejenigen, die der Kirche den Gehorsam verweigerten, nicht bestraften.

In welcher Beziehung standen Humanismus und Reformation zueinander?

Erasmus von Rotterdam, der grosse Humanist, nutzte seine Gelehrsamkeit, um nachzuweisen, dass die alte Kirche die Bibel falsch ausgelegt hatte. Darauf konnte Luther aufbauen. Doch im Kern sind Humanismus und Luthertum einander entgegengesetzt: Wenn wir wie Luther annehmen, dass wir auf jeden Fall von Gott gerettet werden, egal, was wir auf Erden tun, dann ist alles humanistische Streben sinnlos. Die Würde des Menschen, die den Kern des Humanismus ausmacht, ist dann nichts wert. Ulrich Zwingli, der Erasmus kannte und bewunderte, sah das ganz anders als Luther.

Sie sprechen Luthers Rechtfertigungslehre an. Hat diese nicht auch eine befreiende Wirkung? Dass sich der Mensch sicher sein kann, dass er gerettet werden wird, sollte ihm doch einen gewissen Seelenfrieden verschaffen.

Luther selbst und viele andere Protestanten haben das sicher als befreiend empfunden. Aber es wirft uns doch auf eine sehr beunruhigende Frage zurück: Wenn Gott eine Entscheidung über einen Menschen getroffen hat, bevor er ihn überhaupt erschaffen hat, warum sollte sich ein Mensch dann überhaupt noch bemühen, gut zu sein, oder, vielleicht noch wichtiger: Warum sollte er sich bemühen, nicht böse zu sein? Das ist das Paradox in Luthers Denken, aber auch Calvins grosses Problem. Beide glauben an die Vorsehung. Die Lutheraner wendeten sich davon wieder ab, vor allem dank Philipp Melanchthon, der Luthers diesbezügliche Lehre ein wenig abschwächte.

Sie nannten Martin Luther einen Revolutionär, doch politisch hielt er es eher mit den Mächtigen.

Für die Aufständischen des Bauernkrieges hatte er keinerlei Sympathie. Luther hatte zwar die Autorität des Papstes zurückgewiesen und dem heiligen römischen Kaiser getrotzt, doch nun beriefen sich die Aufständischen auf seine Aussagen, um zu begründen, warum sie allen Autoritäten trotzten. Das erschreckte Luther und fortan unterstützte er die Fürsten bei der Unterdrückung der Bauern. Unter den einfachen Leuten führte das zu einer grossen Desillusionierung über die Reformation. Von da an konnte sich Luther nur noch auf Fürsten und Stadträte stützen.

War Luther ein autoritärer Charakter?

Sicher mochte er es, seinen Willen durchzusetzen, aber er war skeptisch hinsichtlich jeglicher menschlicher Autorität. Den Fürsten gestand er in religiösen Dingen nicht mehr zu als das, was er «Not-Autorität» nannte. Luther glaubte, die letzten Tage der Menschheit zu durchleben, eine Zeit, in welcher der Teufel immer stärker wurde. In einer solchen Ausnahme­situation musste der Fürst die Kirche als «Notbischof» führen können. Aber Luther gab den Fürsten nie göttliches Recht. So gesehen ist er zumindest nicht der bewusste Urheber der deutschen autoritären Tradition. Die Fürsten auf seiner Seite zu haben, war für ihn eher eine Zweckheirat.

Wann endet eigentlich die Reformation? Man könnte ja auch sagen, sie sei bis heute nicht abgeschlossen, schliesslich wandelt sich die Kirche noch immer.

In meinem Buch lasse ich sie in den 1690er-Jahren enden. Viele begannen sich nun zu fragen, was für einen Sinn die Kämpfe der letzten 150 Jahre gehabt hätten. Man wollte über religiöse Dinge auf neue Weise nachdenken. Die Aufklärung, die nun begann, war in gewisser Weise das Gegenteil der Reformation: Sie dekonstruierte heilige Texte und hinterfragte Autoritäten, während die Reformatoren eine neue Autorität finden wollten, die genauso exklusiv sein sollte wie jene der alten Kirche. Nach den Traumata des Dreissigjährigen Krieges und anderer Religionskriege wiesen immer mehr Leute diese Idee zurück.

Sie haben einmal gesagt, alle 500 Jahre erlebe die Kirche einen Schlüssel­moment wie die Reformation. Demnach müsste es heute wieder soweit sein.

Vielleicht ist Papst Franziskus ja ein Reformator, wenn auch ein eher vorsichtiger: Wenn wir heute von Kirchenreformen reden, geht es vor allem um Sexualität und die Rolle der Frau, und in diesem Punkt ist Franziskus eher konservativ. Er ist ein ­typischer Argentinier, mit allen ­Vorurteilen seiner Weltregion. Geht es aber darum, den Stolz des Klerus, ­Korruption und Kindesmissbrauch zu bekämpfen, ist er zweifellos ein bedeutender Reformer. Er kommt zwar selbst auch aus dem Apparat, ist also kein Revolutionär, aber mit der Zeit nehmen solche Reformprozesse oft eine eigene Dynamik an.

Ihrem grossen Werk über die Reformation haben Sie den Untertitel «ein geteiltes Haus» gegeben. Das klingt nach einem eher pessimistischen Fazit.

Nicht nur: Gewiss brachte die Kirchenspaltung sehr viel Leid und Unruhe, aber sie führte eben auch zu Vielfalt und Pluralismus. Wenn wir es ­historisch betrachten, war die Einheit der westlichen, lateinischen Kirche, die der Reformation vorausgegangen war, ohnehin nur eine Laune der Geschichte. So etwas hatte es zuvor nie gegeben, die Teilung des 16. Jahrhunderts war also eine ­Rückkehr zur Normalität. Die Realität des Christentums ist eine geteilte: Im Zentrum steht Christi Person, aber man kann sich dieser und all ihren Rätseln auf unterschiedlichen Wegen annähern. Es gibt für Christen nicht nur den einen Weg, auch wenn manche Kirchen das behaupten. Auch die Reformatoren wollten diese Teilung ja nicht, sie wollten lediglich eine andere katholische Kirche als die des Papstes.

Was unterscheidet eigentlich eine ­Kirche von einer Sekte?

Eine Sekte setzt um sich sehr enge Grenzen, eine Kirche tut dies nicht. Eine Kirche ist durchlässig, man findet Wege in sie hinein, ohne allzu strenge Glaubenssätze zu unterschreiben. Sekten sind stolz darauf, sich von der Gesellschaft abzusondern, Kirchen dagegen stehen in der Mitte der Gesellschaft.

Oft tragen aber auch grosse Kirchen sekten­ähnliche Züge. Manche werfen dies etwa den Evangelikalen vor.

Deren Problem, vor allem in Amerika, besteht darin, dass sie alles wörtlich nehmen, was in der Bibel steht. Sie haben die Poesie verloren. Hinzu kommen ein flacher Materialismus und eine repressive Sexualmoral. Vielleicht ist die Wahl Donald Trumps ja die Strafe für all das.