Do, 10. Sep 2015 | Thema | Seite 3

Die normale Partei

Die SVP wird akademischer – und will nun auch noch cool wirken. Besichtigung eines Umbruchs

Von Hansjörg Müller und Samuel Tanner

Christoph Blocher springt kopfvoran in seinen Pool, Christoph Mörgeli entstaubt ein Skelett und Thomas Matter holt gewaschenes Geld aus der Waschmaschine – die SVP erstaunt im Wahlkampf mit einer Kampagne, die der Betrachter je nach politischem Standpunkt für infantil oder selbstironisch erklären wird. «Welcome to SVP», lautet der Titel, der nach weiter Welt klingt. Tagelang wurden auf der gleichnamigen Homepage neue Videoclips aufgeschaltet, in denen sich SVP-Politiker in ungewöhnlichen Posen zeigen.

Mit einiger Verspätung tritt die Partei damit ins Zeitalter der politischen Postmoderne ein, in das sich ihre Konkurrenten schon seit dem Ende des Kalten Krieges nach und nach verabschiedet haben – mit der Abwesenheit von Inhalten als neuem Trumpf. Messerstecher und Sozialhilfebetrüger, Slogans wie «Kosovaren schlitzen Schweizer auf»: Die SVP war immer in den Grenzgebieten der Rhetorik unterwegs, zeigte Mut zur Hässlichkeit.

Aber die Partei, die noch vor Kurzem vor allem eines wollte, nämlich siegen, siegen, siegen, will nun mehr: cool sein oder zumindest so wirken; gemocht werden und vom Image des Grobians wegkommen. Wird die SVP damit zur normalen Partei? Und verliert sie dabei sich selbst?

Ivy League statt Eglisau

Hans Fehr aus Eglisau ist einer aus der alten Garde der Partei. 1985 begann er als Zürcher Kantonalsekretär. Zwei Jahre zuvor hatte die SVP schweizweit einen Wähleranteil von 11,1 Prozent erreicht. Viertstärkste Kraft war sie damit geworden, nach FDP, SP und CVP. Wenn die SVP heute die grösste Partei der Schweiz ist, sind es Leute wie Fehr, die sie dahin geführt haben, Männer und Frauen, die am Samstagvormittag im Dorfzentrum standen und Wahlkampf machten, die unter der Woche abends im Gemeinderat sassen, nach Feierabend Parteiversammlungen organisierten und Protokoll führten.

Heute aber führt Dr. Ing. Agr. ETH Albert Rösti den nationalen Wahlkampf, leiten die Juristen Heinz Brand und Gregor Rutz die rechtlichen Geschäfte, ist Historiker Peter Keller für die Vergangenheit und Dr. Christoph Mörgeli als Programmchef für die Zukunft verantwortlich. Thomas Aeschi aus Zug, der an der HSG und in Harvard studiert hat, gilt als ökonomischer Vordenker. Ivy League statt Eglisau, die SVP in der Transformation.

«Es sollten nicht zu viele Intellektuelle in der Partei sein», sagt Hans Fehr am Telefon, die Mischung müsse stimmen. Es ist eine Losung, die man immer wieder hört, wenn man sich durch die alte Männerriege der Schweizerischen Volkspartei telefoniert.

Blocher sei ja auch Akademiker, sagt Fehr jetzt – und er selbst ausgebildeter Realschullehrer. Auf der Zürcher SVP-Liste für die kommenden Wahlen steht er auf Platz vier. Fehr hat etwas zu verlieren, laut ausrufen wird er kaum. «Rufen Sie den Toni Bortoluzzi an», rät er. Der steht nicht mehr zur Wahl.

Toni Bortoluzzi, wie Fehr 68 Jahre alt, gehört seit 24 Jahren dem Nationalrat an. Seit 1982, als er in den Gemeinderat von Affoltern am Albis gewählt wurde, dient er seiner Partei als Mandatsträger. Einen Namen gemacht hat er sich als detailversessener Gesundheitspolitiker und Eisenfuss in der Ausländerpolitik.

Immerhin gut für die Liste

Bortoluzzi ist kein politischer Desperado, für einen Blick zurück im Zorn ist er wohl auch zu bedächtig, doch manches ärgert ihn schon. Immer mehr Leute, «die keinen Bezug zu den Arbeitsplätzen im Land haben», drängten in die Räte, klagt der Schreiner mit eigenem Betrieb. Wolfram Kuoni, ein Unternehmer, der auf dem 19. Platz der Zürcher SVP-Liste steht, kenne er zum Beispiel gar nicht. Immerhin, dass Kuoni einen aufwendigen Wahlkampf betreibt, das Züribiet mit Plakaten überzieht, das helfe der Liste, sagt Bortoluzzi, ebenso wie die Kandidatur Roger Köppels, des weitherum bekannten Weltwoche-Chefs. Begeisterung und tief empfundene Solidarität unter Parteikollegen klingen anders.

Dass intellektuelle Neupolitiker wie Köppel oder Hans-Ueli Vogt, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Zürich, Bundesbern aufmischen werden, glaubt Bortoluzzi offenbar nicht: «Ja gut», seufzt er, «von den 246 Leuten in der Bundesversammlung hat keiner auf die gewartet.»

«Willfährige Sklavin!»

Als die Delegierten der SVP des Kantons Zürich am Abend des 16. Oktober 2014 in Gossau zusammenkommen, ist Roger Köppel noch in erster Linie Journalist – und die Versammlung eine ohne Glamour.

In der Festhütte Altrüti spielt der Musikverein «Ich war noch niemals in New York» und den Menschen aus dem Herzen. Kantonalpräsident Alfred Heer bezeichnet Eveline Widmer-Schlumpf als «willfährige Sklavin», dann schliesst er: «Wir können nur hoffen – es sind ja Wahlen nächstes Jahr –, dass wir sie wegputzen können. Es gibt nur eins: mehr SVP. Danke.» Frauen in gestreiften Rollkragenpullovern applaudieren. Das hat er gut gesagt, der Fredy!

Der Medienskandal des Sommers waren die Aussagen von Toni Bortoluzzi, Schwule hätten einen «Hirn­lappen, der verkehrt läuft» – und seine mögliche Nachfolgerin im Parlament, die Juristin Barbara Steinemann, sei eine «nicht ideale Vertreterin der Frauen». Bortoluzzi vertrat im National­rat neben dem Kanton Zürich ja immer auch das 20. Jahrhundert. Natalie Rickli, das Postergirl der neuen SVP, richtete Bortoluzzi via Blick aus: «Seine neusten Aussagen sind einfach nur noch peinlich.»

Bereits im Frühling hatte es Dissonanzen gegeben, weil der 63-jährige Gemüsebauer Ernst Schibli, Otelfinger Gemeindepräsident während drei Jahrzehnten, ins Parlament nachrückte. Und Thomas Matter, Nachwuchsmann, Vertreter des Finanzplatzes und der Zürcher Goldküste, den Weg damit vorerst versperrte.

In der Zürcher SVP, schon immer Seismograf und Trendsetter für die nationale Partei, war ein Richtungsstreit ausgebrochen. Stadt gegen Land, Jung gegen Alt, Akademiker gegen Handwerker. Feine Risse, die durch das ganze Land gehen.

Und so musste Alfred Heer seine Partei an jenem Oktoberabend vor einem Jahr irgendwie zusammen­halten. Er rief: «Der Finanzplatz ist kaputt! Die Welt ist nicht mehr sicher! Wir können jetzt nur noch beten am Sonntag in der Kirche!» – Er trug Extrempositionen vor, der schnellste Kitt, der zu haben ist.

Es half nicht dauerhaft.

Als Heer fertig war, sprach Hans Geiger, ein alter Kämpfer der SVP, einst Professor der Ökonomie, ausgerechnet. Denn Geiger vertrat an dem Abend die Interessen von Ecopop und er sagte: «Liebe Delegierte, die SVP-Basis wird unsere Initiative sowieso annehmen. Sie müssen deshalb ein Zeichen setzen und Ja sagen zu Ecopop! Vor allem, nachdem die nationalen SVP-Parlamentarier aus parteistrategischen Gründen Nein sagten, wie sie angaben.» Geiger zeichnete das Bild von SVP-Nationalräten, die nicht auf ihr Volk, sondern auf ihre Strategieberater hörten – und die in Wahrheit zur sogenannten Classe politique gehörten.

Das Bild setzt ein gewisses Fantasievermögen voraus, aber es wird umso glaubhafter, je mehr die SVP-Abgeordneten ihren Konkurrenten gleichen: in Anzügen, Auftreten, Ausbildung.

Die grosse Klammer

Der Vorteil der SVP war immer, dass sie nicht «zu den Leuten» musste, wie die anderen Parteien das nennen. Sie war immer schon da. Im Musikverein, im Bauernverband, im Restaurant Rössli. Als die Delegierten an jenem Oktoberabend die Festhütte verlassen, könnte man meinen, hier gehe ein Marco-­Rima-Publikum nach Hause.

Alfred Heer hatte die Mitglieder kurz vor Schluss noch motiviert: «Geht auf die Strasse, an die Bahnhöfe – und gebt ein bsundrigs Give-away mit, der zehnte Kugelschreiber kommt nicht mehr gut an!» Er hatte Hund Willy vorgestellt, einen «freiheitsliebenden Kerli, der nur beisst, wenn man ihn einsperrt». Für einen Moment konnte man meinen, Heer spreche von sich selbst.

Noch ein Jahr bis zu den Wahlen, der Kampf hatte begonnen.

Anfang Februar stellte die SVP Zürich ihren Kandidat für den Ständerat vor: Hans-Ueli Vogt, der in einer Stadtwohnung lebt mit dem Musikprogramm aus einer Festhütte (Helene Fischer etc.). Zwei Wochen später präsentierte die Partei ihren Star für die Nationalratsliste: Roger Köppel, ausgebildet in politischer Philosophie und Wirtschaftsgeschichte, Quereinsteiger.

Köppel war nie Kassier

Bald darauf sagte irgendein Zürcher SVP-Politiker im Tages-Anzeiger: «Der kommt jetzt und springt auf den Erfolgszug auf, den andere in Fahrt gebracht haben.» Max Binder, Nationalrat seit 24 Jahren, sagte: «Ich kann nachvollziehen, dass manche in der Partei im Moment etwas irritiert sind.» Köppel war nie Kassier der Ortssektion Küsnacht, nie Präsident der Kantonalpartei – er kam aus dem Nichts und direkt ins Scheinwerferlicht.

Milieumässig scheint Köppel keine Probleme zu haben, an der konservativen Basis der Partei anzukommen. Trat er bis vor Kurzem nur in teuren Anzügen auf, scheint inzwischen auch eine Outdoorjacke ganz selbstverständlich. Wichtig ist das Milieu, die Verankerung im Turnverein oder in der Kantonalpartei nur nicht dann, wenn man als Parlamentarier im Sinn der Basis stimmt – sondern dann, wenn man abweicht.

Nur einem von ihnen, einem von unten vertraut die Basis dann weiter. Zumal in einer Partei, die mit Christoph Blocher von einem Mann gelenkt wird, der das Wort «Studierter» ausspricht, als sei es eine Beleidigung.

Am Telefon ist jetzt Ernst Schibli, oder «Schibli, Otelfingen», wie er selber in den Hörer sagt. «Ja, wir haben mehr Studierte», sagt der Gemüsebauer aus dem unteren Furttal. «Wir müssen jetzt gezielt junge Leute bei den Bauern und den KMU fördern. Und in den Kantonalparteien den Hebel ansetzen und Leute aufbauen ohne akademischen Titel.»

Schibli sieht den Umbruch in seiner Partei so, wie er wohl alles sieht: pragmatisch. Von einem Problem will er nicht sprechen, sagt dann aber doch: «Die Praktiker tun dem Parlament gut. Ich war in der Staatspolitischen Kommission – und wenn es da jeweils endlose Diskussionen gab über irgendein Komma, dann half der Blick des Praktikers schon.»

Als Ernst Schibli im Frühling in den Nationalrat nachrückte, obwohl die Partei lieber Thomas Matter nachgezogen hätte, da sagte er: «Ich lasse mich nicht ins Bockshorn jagen.» Im Vergleich zu Adenauer zum Beispiel, ergänzte Schibli, sei er zudem noch «junges Gemüse». Nun kandidiert er für weitere vier Jahre. Er geht davon aus, dass das Land ihn noch braucht.

Die Handwerker gehen

Seinen Rücktritt eingereicht hat neben Toni Bortoluzzi auch Max Binder, beides berufliche und rhetorische Handwerker. Je nachdem wie die Ständeratswahlen laufen, könnte es sein, dass sie abgelöst werden von Hans-Ueli Vogt und Roger Köppel.

Schibli macht keine Videos, «nur weil das die anderen machen, muss ich ja nicht auch noch» – und er will am Ende des Gesprächs noch etwas sagen: «Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Partei nicht auf diesen Plüschhund Willy gesetzt hätte, sondern auf einen richtigen Berner Sennenhund. Der hätte mehr Sympathien gebracht bei den Leuten.» – Roger Köppel sitzt für die neue Werbekampagne auf dem WC, liest die linke WoZ und sagt: «Welcome to SVP!» Das ist der Unterschied.

Der versuchte Rollenwechsel irritiert. Was bezweckt die SVP damit? Neue Wähler wolle man ins Boot holen, solche, die mit der Partei bisher Mühe gehabt hätten, sagt Hans Fehr. Zweifel an dieser Strategie sind angebracht: In einem Land wie der Schweiz, wo ohnehin relativ wenige Leute wählen gehen, kommt es zunächst einmal darauf an, die eigene Zielgruppe zu mobilisieren. Mit einem WoZ-lesenden Roger Köppel wird der Stuckateur in Oensingen ebenso wenig anfangen können wie der Bauer im Entlebuch.

Heute sei die SVP in vielen Kantonsregierungen vertreten, da müsse man nicht mehr so knallhart auftreten, sagt Hans Fehr. Messerstecher, Albaner, eine grüne Hexe im Sumpf – «provokativ, ja fast schon schockierend» seien SVP-Kampagnen früher gewesen. «Heute sind wir immer noch hart in der Sache, aber moderater im Ton. Das ist doch eine logische Entwicklung.»

Auch die Akademisierung erscheint logisch. Der permanente Theoriedruck der Moderne geht nicht einmal an der SVP vorbei. Nur Populismus ist nicht mehr möglich, sobald man Verantwortung trägt, das sieht selbst der Baselbieter Christian Miesch ein: «In der Rechtskommission sind sie gottenfroh, wenn sie einen Akademiker haben», sagt er. Wer sich nicht lächerlich machen will, muss sich in komplexe Materie einarbeiten können. Von 56 Leuten in der Bundeshausfraktion sind inzwischen 24 Hochschulabgänger.

Am Anfang der Dekadenzphase?

Möglich ist, dass die SVP dieser Tage ihre ersten Schritte in der Dekadenzphase macht, dass sie über kurz oder lang den Weg des Freisinns gehen und sich von den Wählern entfremden wird. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Heute ist die SVP noch immer die letzte Volkspartei, will heissen die einzige Partei, für die auch weniger gebildete Leute noch ein gewisses Interesse aufbringen. Politik ausserhalb der SVP, das ist für viele ein Elitesport wie Tennis oder Springreiten.

Bei der FDP, wo sich einst die mehr oder weniger heimlichen Herrscher des Landes versammelten, ist das schon länger so, bei der SP, der einstigen Arbeiterpartei, sieht es mittlerweile ähnlich aus: Es sind Lehrer und Anwälte, die dort politisieren, nach einem Büezer sucht man lange.

Wer jetzt beklagt, dass es schon wieder die SVP ist, die in den Medien dominiert, der sollte sich fragen, warum das so ist. Oder, noch besser, bei den anderen Parteien nachfragen. Selbst auf dem Feld der Popkultur ist die Volkspartei über Nacht vom Klassenletzten zum Primus avanciert.

Vergangene Nacht schaltete die Partei ihren «Welcome to SVP»-Song auf. Damit ist wieder einmal D-Day in der Schweizer Wahlkampfberichterstattung. Und von SP, FDP, CVP und Grünen spricht kein Mensch.