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Freitag, 12.Mai 2017

Thema | Seite 3


«Wir wissen, wie das Business funktioniert»

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Messe-Schweiz-Chef René Kamm rechtfertigt die Millionenaufträge, die der Ehemann der Baselworld-Chefin erhält

Von Christian Keller

BaZ: Sie haben in einem Telebasel-Interview der BaZ vorgeworfen, Fake-News zu verbreiten. Wir sind etwas erstaunt: Als wir die Messe Schweiz um eine Stellungnahme zu den wesentlichen Inhalten des Artikels gebeten hatten, erfolgte kein Dementi. Und nun soll plötzlich alles falsch gewesen sein.

René Kamm: Lassen wir die Kirche bitte im Dorf. Wir können schliesslich nur auf das replizieren, was Sie in Ihren Berichten verbreiten. Hinter der Fake-News-Aussage stehe ich nach wie vor. Sie müssen verantworten, was Sie geschrieben haben. Ihre Aussage lautete, dass Baselworld-Leiterin Sylvie Ritter Aufträge in Millionenhöhe an ihren Ehemann vergibt. Sie beziehen sich dabei auf Dokumente, über welche Sie verfügen. Diese möchte ich gerne sehen. Es gibt nämlich keine solchen Unterlagen, da wir interne Regeln aufgestellt haben, als 2005 die Liaison zwischen Sylvie Ritter und Dany Waldner begann. Wir können gleich weitermachen mit einem weiteren Beispiel von Fake-News.

Inwiefern?

Sie schreiben, dass pro Baselworld ein Honorar von 700 000 Franken auf das Konto des Ehepaars fliesst. Dafür hätte ich gerne Beweise, und wenn Sie diese nicht haben, müssen Sie Ihre Behauptung revidieren. Wenn die MCH Group der Dany Waldner AG Honorare überweist aufgrund von korrekten Rechnungsstellungen, die von unseren Spezialisten überprüft werden –, dann fliesst dieses Geld doch nicht an ihn, sondern an seine Firma Dany Waldner AG. Damit muss er die Löhne seiner 40 Mitarbeiter bezahlen, das geht nie aufs Ehekonto. Sie haben nachlässig recherchiert.

Die MCH Group hat auf diesen Punkt, in welchem ich Ihnen recht gebe, ja bereits in der ersten Stellungnahme verwiesen. Diese Aussage kommentierte SP-Grossrätin Sarah Wyss wie folgt: «Diese Argumentation ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Natürlich profitiert Herr Waldner von den Zahlungen, da er ja Eigentümer der betreffenden Firmen ist». Was sagen Sie dazu?

Was ich dazu sage? Lachhaft ist doch, wie Sie diese Grossrätin informiert haben. Sie haben nicht vermittelt, dass wir bei der MCH Group über eine saubere Compliance verfügen und Frau Ritter nie einen Auftrag an ihren Ehemann vergeben hat. Ich konfrontiere Sie gerne noch mit einem weiteren Aspekt.

Zuerst noch eine Nachfrage: Sie unterstellen uns, wir hätten die Politiker nicht richtig informiert und die Statements der MCH Group ausgeblendet. Das trifft nicht zu.

Dann fragen Sie doch einmal dieselbe Grossrätin, nachdem sie mein Interview auf Telebasel gesehen hat, ob sie noch immer die gleiche Meinung vertritt. Frau Wyss hat wegen Ihrer Falsch­information angenommen, dass Frau Ritter direkt Aufträge an ihren Ehemann vergibt. Dem ist nicht so. Es gibt keine Vetterliwirtschaft, wie Sie behaupten. Jetzt wäre ich froh, wenn wir Ihre Artikel weiter auseinandernehmen könnten.

Eigentlich wäre ich froh, wenn wir unsere Fragen stellen könnten.

Also, stellen Sie Ihre Fragen.

Wenn Sie sagen, das stimmt nicht …

… was stimmt nicht?

Wenn Sie sagen, die von der BaZ genannten Beträge stimmen nicht …

… halt, jetzt müssen wir aufpassen. Es geht nicht um die Beträge, welche die MCH Gruppe der Firma Dany Waldner AG oder seiner point it AG jährlich aufgrund von Auftragsvergaben im Zusammenhang mit der Baselworld, mit Swissbau oder anderen Messen bezahlt. Es geht um die Geschichte, welche Sie konstruieren: dass nämlich Frau Ritter ihrem Ehemann direkt Aufträge zuschanzt. Aber wenn wir über Beträge sprechen, dann konfrontiere ich Sie mit einer Zahl, die Sie im Artikel genannt haben. Das «Village» habe 2016 rund 500 000 Franken gekostet. Der effektive Betrag war ein Bruchteil davon.

Wie hoch waren die Kosten?

Das sage ich Ihnen nicht, aber auf jeden Fall wesentlich tiefer. Was schätzen Sie: Wie teuer war das «Village» 2017?

Nennen Sie uns die Kosten doch einfach.

Das mache ich gerne: 0 Franken. Das dürfen Sie sich gerne aufschreiben: 0 Franken. Und wissen Sie weshalb? Jetzt kommen wir wieder auf die von Ihnen kolportierte These der Vetterliwirtschaft zurück: weil Frau Ritter zu mir ins Büro gekommen ist und wegen des schwierigen Marktumfeldes vorschlug, Kosten einzusparen. Weil wir beim «Village» bei der Kuppel einen finanziellen Mehraufwand hätten erbringen müssen, weil sich dort eine Baustelle befindet, verzichteten wir auf das Village. Wenn also Frau Ritter tatsächlich Vetterliwirtschaft betreiben würde, dann würde sie doch sicherlich nicht dafür kämpfen, davon abzusehen. Ich hoffe, ich habe Ihre These mit diesem Beispiel – es gibt noch weitere – widerlegen können.

Der erste Satz in den ausführlichen ­Corporate-Governance-Richtlinien von Roche lautet wie folgt: «Aktivitäten von Verwandten und nahestehenden Personen können zu Interessenkonflikten führen. Wir sollten uns an keinen Entscheidungen beteiligen, welche unsere eigenen Interessen mit den Interessen von Roche in Konflikt geraten lassen könnten.» Bezugnehmend auf die Konste­l­lation bei der Baselworld: Was sagen ­Sie zur Regelung des Basler Pharma­konzerns?

Ich unterschreibe diese Richtlinien zu 100 Prozent. Wenn Sie überhaupt jemanden einen Vorwurf machen wollen, dann müsste er sich an mich richten und sicherlich nicht an Frau Ritter oder Herrn Waldner. Als die Liaison 2005 begann, informierte mich Frau Ritter. Ich wusste: Dany Waldner, der hochprofessionelle Arbeit leistet, hat viele Mandate bei uns. Ich musste einen Entscheid treffen. Sollte ich Frau Ritter entlassen? Oder die Mandate kündigen? Mein Beschluss war, klare interne Regeln zu definieren. Frau Ritter tritt immer in den Ausstand, wenn es um Vergaben an ihren Ehemann geht. Sie können mir keinen Gegenbeweis liefern. Darum kann ich voll und ganz hinter den Grundsätzen von Roche stehen. Bei uns gelten dieselben Richtlinien.

Konkret: Welche internen Regeln haben Sie 2005 eingeführt?

Ich habe festgelegt, dass Frau Ritter keine Aufträge an ihren Ehemann vergeben und keine Rechnungen von Dany Waldners Firmen visieren darf. Ausserdem wurde ein Revisor explizit darauf angesetzt zu prüfen, dass alles korrekt verläuft. Es existieren noch weitere interne Massnahmen. Ich persönlich, obschon das für einen CEO einer Gruppe unüblich ist, visiere die Rechnungen der Dany Waldner AG und point it im Kontext der Baselworld und gebe Zahlungen als letzte Instanz frei. Wir wussten, dass in dem persönlichen Verhältnis eine gewisse Brisanz steckt, und wollten vermeiden, dass nur ein Hauch von einem Zweifel auftaucht.

Das ist Ihnen nicht gelungen. Bereits vor fünf Jahren erschien in der TagesWoche ein kritischer Bericht.

Es spricht nicht für die BaZ, dass sie kalten Kaffee der TagesWoche aufkocht – und das spricht auch nicht für Ihren Journalismus.

Rechtsexperten verweisen auf das Organisationsreglement der MCH Group. Es verpflichtet die Geschäftsleitung, bei möglichen Interessenkonflikten den Verwaltungsrat zu informieren. Ist das geschehen?

Gehen Sie einfach einmal davon aus, dass der Verwaltungsrat informiert wurde. Bei uns läuft alles sauber ab. Und noch etwas: Beim Neubau haben wir eine Baukommission eingesetzt. Es ging um die Wahl eines Architekten, welcher die Bauherrenvertretung übernimmt und den Generalunternehmer kontrolliert. Wer wurde gewählt? Die Dany Waldner AG. Der Verwaltungsrat war sich der Liaison mit Frau Ritter vollauf bewusst. Wir waren immer transparent. Immer.

Herr Kamm, wäre die ganze Geschichte nicht entschärft, wenn Sie nachweisen könnten, dass die Messe regelmässig den Markt nach alternativen Anbietern scannt, die allenfalls besser und preiswerter arbeiten als die Firmen von Herrn Waldner?

Das Problem ist, dass Sie leider – und Sie haben sich ja auch noch gar nie für die Baselworld akkreditiert – nicht wissen, über was Sie schreiben. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich jetzt etwas überheblich wirke: Bei den Aufträgen von Dany Waldner, und das haben Sie korrekt geschrieben, geht es um Design, Projektmanagement und Projektentwicklung. Wahrscheinlich wissen Sie nicht genau, was das bedeutet. Wir reden von Planungsarbeiten. Da wird kein Hammer in die Hand genommen. Vielmehr handelt es sich um ein Outsourcing-­Geschäft. Statt bei der Messe 30 Architekten und Ingenieure anzustellen, übernimmt diese Arbeit Dany Waldner mit seinem Team. Er hat dafür eine spezielle Software entwickelt und führt Schulungen durch. So einen Auftrag können Sie nicht einfach einem Dritten übergeben. Das ginge nur, wenn ein Konkurrent quasi alle Mitarbeiter der Dany Waldner AG abwerben würde.

Wann haben Sie zuletzt am Markt überprüft, ob es nicht bessere Firmen für diese Arbeiten gibt?

Wie betont: Sie können nicht einfach mit einem anderen Anbieter zusammenarbeiten.

Also gibt es nach Ihrer Darstellung nur Herrn Waldner und seine Firma, welche die Ansprüche der MCH Group bewältigen können?

Wir sind so stark verzahnt, dass seine Mitarbeiter beinahe die unsrigen sind. Eine klassische Ausschreibung macht da keinen Sinn. Selbstverständlich erhalten wir von Dany Waldner jedes Jahr ein neues Angebot, über welches wir dann verhandeln und allenfalls die Leitplanken anpassen.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist es doch problematisch, wenn Sie solche heiklen persönlichen Konstellationen haben und Sie als Chef einer Firma, die fast zur Hälfte in Staatsbesitz ist, sich nicht regelmässig am Markt nach anderen Mitbewerbern umsehen. Sie argumentieren, es gebe nur diese eine Firma, man könne nicht anders.

Wissen Sie, wie viele Hunderte Aufträge wir jedes Jahr vergeben – die notabene immer wieder ausgeschrieben werden? Aber hier haben wir es mit einer speziellen Dienstleistung zu tun. Auch Roche und Novartis schlies­sen Verträge ab, die über mehrere Jahre dauern. Mit der Beteiligung der öffentlichen Hand hat dies überhaupt nichts zu tun. Ich möchte zudem betonen, dass wir im Interesse der Aktionäre arbeiten. Mein oberstes Interesse ist, dass die Firma nach­haltig und profitabel schafft. Ich habe doch überhaupt kein Interesse, zu viel Geld auszugeben. Das können Sie mir glauben. Ich bin seit 18 Jahren in dieser Firma, seit 15 Jahren als CEO. Würde ich nicht das Interesse der Aktionäre verfolgen, sässe ich nicht mehr auf meinem Stuhl.

Wie stellen Sie sicher, dass es nicht doch attraktivere Anbieter gibt?

Jetzt wechseln Sie das Thema. Sie wollen mir ins Geschäft reden. Gehen Sie doch einfach einmal davon aus, dass wir von der MCH Group Profi genug sind. Wir sind seit 100 Jahren im Geschäft und wissen, wie das Business funktioniert. Ausserdem waren wir in den letzten Jahren erfolgreich und haben schwierige Momente – etwa Sars oder die Finanzkrise – gut gemeistert.

Wie unabhängig sind Sie gegenüber Herrn Waldner?

Komplett unabhängig.

Sie könnten also heute die Reissleine ziehen und ein anderes Unternehmen mit seinen Mandaten beauftragen?

Das könnte ich, aber das würde einen internen Aufstand nach sich ziehen. Wir würden bei gewissen Projekten an den Rand unserer Existenz gebracht. Ein solcher Schritt wäre verantwortungslos. Ich möchte noch einen anderen Punkt erwähnen. Sie haben geschrieben, dass seit der TagesWoche-Geschichte im 2012 das Logo von Dany Waldner nicht mehr auf den Plänen zu sehen sei – um die heikle Beziehung zu kaschieren. Hier bitte (zeigt einen Plan): Das ist der Gestaltungsplan des Messeplatzes der Baselworld 2017 und hier finden Sie gut erkennbar das Logo der Dany Waldner AG. Ich streite nicht ab, dass auf anderen Plänen – es gibt übrigens mehrere Hundert Pläne pro Messe –das Firmensignet fehlt, das hängt davon ab, wo sie ausgedruckt werden. Aber das hat nichts damit zu tun, dass wir irgendetwas verstecken wollen. Sie dürfen den Plan gerne mitnehmen.

Der Staat ist an der MCH Group mit insgesamt 49 Prozent beteiligt. Zudem hat die Messe für den Neubau 90 Millionen Franken vom Steuerzahler erhalten. Ich hoffe, Sie anerkennen, dass vor diesem Hintergrund kritische Fragen erlaubt sind. Meine Frage: Was ist Ihre Botschaft an die Öffentlichkeit bezogen auf das Eheverhältnis und die Vergabesituation, welche die BaZ öffentlich gemacht hat?

Meine Botschaft ist, dass Ihre Unterstellung der Vetterliwirtschaft nicht korrekt ist. Die MCH Group arbeitet hochprofessionell und im besten Interesse der Aktionärinnen und Aktionäre, aber auch der Stakeholder an unseren Standorten in Basel, Zürich und Lausanne. Demzufolge müssen sich die beteiligte öffentliche Hand und die Politiker keine Sorgen machen, dass nicht korrekt gearbeitet wird. Der Beweis ist: Wir sind seit Jahren erfolgreich am Markt. Zudem sind wir wahrscheinlich die einzige Messegesellschaft auf diesem Planeten, die ein Kongresszentrum in ihrem Betrieb integriert hat, das vollständig über das Messegeschäft quersubventioniert wird. In anderen Städten sind Kongresszentren zu 100 Prozent öffentlich finanziert. Dieser Umstand dürfte bei der Subventionierung des Neubaus eine gewisse Rolle gespielt haben. Die MCH Group verfügt ferner im Unterschied zur Konkurrenz über einen hohen Eigenfinanzierungsgrad. Und zum Schluss nochmals: Ich lege die Hand ins Feuer, dass bei uns immer sauber gearbeitet wird. Darum würde ich Ihnen empfehlen, sich bei Frau Ritter und Herrn Waldner zu entschuldigen. Es würde Ihnen kein Zacken aus der Krone fallen. Man kann einmal einen Fehler machen.

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