Sa, 02. Apr 2016 | Meinung | Seite 19

Mediaversum

Ringiers Passion

Selten erlebte die Schweiz eine überflüssigere Debatte: Im Januar hatte sich Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor der Weltwoche, in einem Editorial über Hermann Göring ausgelassen, den Nazi-Kriegsverbrecher. Köppel ist Nationalrat der SVP, er polarisiert, wie man heutzutage sagt. Seine ­Gegner fanden, irgendwie finde er Göring gut.

Eigentlich ist das keine Diskussion, die es wert wäre, in sie einzugreifen. Der Verleger Michael Ringier tat es dennoch, aufseiten der Köppel-­Gegner. «Feigen Empörungsjournalismus» beklagte er im eher obskuren Branchenmagazin Marketing & Kommunikation. Die Schweizer Journalisten, so Ringier, hätten versagt: «Ausser einem Artikel in einer Regionalzeitung und einem Kommentar eines Theaterregisseurs in einer Sonntagszeitung wird kaum eine Zeile darüber verloren.»

Michael Ringier als Hüter journalistischer Standards, Ringier, of all people!, möchte man da als einer jener Versager ausrufen, welche die Köppel-Göring-Debatte mangels Interesse ignoriert haben. Wäre ihm am Qualitätsjournalismus so viel gelegen, Ringier hätte einst die Weltwoche kaufen können. Oder er hätte mit seinem Nachrichtenmagazin Die Woche, dem Anfang der Achtzigerjahre ein eher kurzes Leben beschieden war, mehr Geduld haben können. Zuletzt hat Ringier Cicero und Monopol verkauft, zwei deutsche Magazine, die als letzte in seinem Verlag so etwas wie einen höheren Anspruch verfolgten.

Geld geht vor Geist im Hause Ringier. Daran ist nichts Ehrenrühriges: Boulevardjournalismus zu betreiben, ist legitim. Genauso in Ordnung (und wahrscheinlich sogar ein Zeichen von unternehmerischem Weitblick) ist es, wenn sich ein Verleger zunehmend neuen Geschäftsfeldern ausserhalb des Journalismus zuwendet. Nur sollte er dann nicht mit bildungsbürgerlicher Attitüde den Niedergang des Journalismus beklagen.

Ringiers Kolumne in Marketing & Kommunikation erinnert mich an einen Ausspruch Sören Kierkegaards:«In allem, was ich tue, grüsst der, der ich bin, den, der ich gerne wäre.» Das Absurde daran ist: Michael Ringier könnte es sich leisten, der zu sein, der er gerne wäre. Hansjörg Müller