Do, 16. Jun 2016 | Thema | Seite 2

«Ich bin kein Landesverräter»

Tim Guldimann ist der robusteste Zuwachs der SP im Nationalrat – ein Mittagessen in Berlin-Schöneberg

Von Benedict Neff, Berlin

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Er wisse eigentlich gar nicht recht, was ich von ihm wolle, meinte Tim Guldimann (65), kaum war er im vereinbarten Restaurant angekommen. Dem Migros-Magazin habe er eben für ein Porträt abgesagt. Er wolle nicht über sein Lieblingsgetränk reden, nicht über sein Horoskop und so weiter. Erst einmal Durchschnaufen. Das türkische Lokal findet Guldimann hingegen okay, auch damit, dass wir das Tagesmenü bestellen (sozusagen mein erster Sprech­einsatz), kann er sich anfreunden. Guldimann wohnt am Barbarossaplatz, in Schöneberg, einem Quartier, das noch nicht so durchgentrifiziert sei, wie er findet. Die Botschaft, in der er mit seiner Familie bis 2015 lebte, vermisst er überhaupt nicht. Ein «unwirt­liches Haus» sagt Guldimann. «Zu gross, zu laut, rundherum Lärm.» Am Morgen müsse man bis zum Hauptbahnhof laufen, um Gipfeli zu kaufen.

An Tim Guldimann, dem einzigen Nationalrat, der im Ausland lebt, kann man sehr gut erklären, was einen an den Linken nervt und was an den Rechten: extreme Moral und Pedanterie.Mobilität ist bei Guldimann natürlich ein Riesenthema. SRF schrieb nach seiner Wahl: «Fast 1000 Kilometer Arbeitsweg nimmt er auf sich, um 750 000 Auslandschweizer zu vertreten.» Es klang nach einem Kraftakt und nach unglaublicher Dankbarkeit. Wie pendelt er von Berlin nach Bern, das war lange eine grosse Frage. Guldimann löste eine eigene Klimadebatte aus. Von links kam die Forderung: nur mit der Bahn und nur in der Nacht. Regula Rytz (Grüne): «Ich erwarte von einem SP-Mitglied, dass es den Nachtzug nimmt.» Von rechts hiess es gleich, Guldimann koste zu viel. Philipp Gut, Journalist der Weltwoche, rechnete aus, dass Guldimann der teuerste Parlamentarier der Schweiz sei. Allein an Reisekosten zahle «die Eidgenossenschaft» pro Legislatur 100 000 Franken.

Guldimann wurde vom Volk aber gerade mit dem Versprechen gewählt, dass er in Berlin bleibt und nicht allzu oft in die Schweiz kommt – Internationalrat eben: für die EU, in der EU. Dass da Spesen anfallen, ist doch klar.

Als Linker muss Guldimann aber für die ökologischen Aspekte sensibilisiert sein. Er liess sich von Myclimate beraten, um eine Kompensation zu zahlen – Myclimate funktioniert wie katholische Kirche. Sein Ablass soll das Vierfache seines CO2-Ausstosses der Berlinflüge wettmachen, erklärt Guldimann. «Das heisst aber lange nicht, dass ich sonst nicht sündige mit Autofahren und Fliegen.» Das schlechte Gewissen nimmt man Guldimann nicht recht ab. Aber er weiss, wie sensibel diese Frage ist.

Der Patriot

«Und sonst habt ihr keine Probleme?», fragte ihn vor einiger Zeit der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bei einem Mittagessen. Da ging es aber um eine ganz andere Frage. Darum, dass die Schweiz die Netto-Zuwanderung reduzieren will. Guldimann sagt, Deutschland und die Schweiz hätten völlig verschiedene Perspektiven. «Wir Schweizer konnten uns in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit viel Glück von der Weltgeschichte abmelden.» Die scharfe Abgrenzung von In- und Ausland existiere in Deutschland so gar nicht mehr: «In Deutschland macht man einen klaren Unterschied zwischen der Einwanderung von ausserhalb der EU und der EU-Binnen­einwanderung. Für uns sind alle von ausserhalb Zuwanderer, ob aus dem Vorarlberg oder von Anatolien.» Das Wir-Gefühl, das auch in der EU auf dem Rückzug sei, sei in der Schweiz seit je schwächer ausgeprägt gewesen. Dass ihm die globale, deutsche Perspektive besser passt, streitet er ab. «Ich schnöde nicht über eine Schweizer Provinzialität, ich bin Patriot.»

Dann schellt das Telefon: «Dani, sali, häsch du Ziit e chli spöter?» Guldimanns Handy liegt neben dem Teller und seiner 4-Deziliter-Apfelschorle. Er telefoniert einige Male und gar nicht mal besonders kurz. – Draussen regnet es. Bild schreibt: «Die Schweizer können Löcher.» Es ist der Tag, an dem der Gotthard-Basistunnel eröffnet wird. – «Das hani gschwänzt», sagt Guldimann am Telefon und irgendwann: «Ciao Dani.»

Manchmal fragt Guldimann nach seinen Telefonaten, wo wir stehen geblieben seien. «Entschuldigung» sagt Guldimann nicht, auch nicht «gleichfalls». Auf «E Guete» reagiert er mit «Danke» und lässt es sich schmecken. Guldimann, man kann es nicht anders sagen, ist ein arroganter Typ. Das Unverstellte muss man an ihm allerdings auch schätzen, gerade als Journalist: die Authentizität der Arroganz, eine Ressource. Guldimann ist ein No-Bullshit-Linker. Er sagt: Jawoll, ich will in die EU, und er sagt das wie ein alt-katholischer Priester mit dem Rücken zur Gemeinde, den Blick zum Altar, nach Europa. Er ist gleichermassen weltoffen und weltabgewandt.

Der Internationalrat

Seine Diplomatenkarriere war letztes Jahr zu Ende. «Kein Problem», sagt Guldimann. Arbeitslosigkeit hingegen wäre nicht unproblematisch gewesen, gibt er zu. «Jetzt bin ich es nicht, ich habe einen neuen Beruf.» Die Zürcher SP setzte ihn auf den zehnten Listenplatz, der Zürcher Werber Hermann Strittmatter hatte den famosen Einfall, ihn «Internationalrat» zu nennen, und gewählt wurde er schliesslich mit dem viertbesten Ergebnis.

Als Guldimann in den Wahlkampf zog, klang er SVP-Politikern nicht unähnlich. Er sagte damals dem Stimmvolk: «Ich habe wirklich Angst, wir fahren unser Land an die Wand.» Er hatte diesen Rettungsduktus und wollte in den Kampf gegen die «Abschottungspatrioten» ziehen, die die Schweiz «verkacheln». Alles Quatsch, findet Guldimann im Café Meyan: «Ich fühle mich nicht als Winkelried. Das ist dummes Zeug. Ich habe politische Überzeugungen. Das sind vor allem drei Dinge: soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaat und eine weltoffene, europaoffene Schweiz.»

Oft werde er gefragt: «Warum tust du dir das an?» Die falsche Frage, sagt Guldimann, wie er sowieso oft findet, es würden die falschen Fragen gestellt. Die Frage sei vielmehr, ob etwas zweckmässig sei und Sinn mache. Diesen Sinn sieht Guldimann umso deutlicher, als der Rat von einer bürgerlichen Mehrheit dominiert ist und jede Stimme zur Gegenwehr zähle. Trotzdem hat sich Guldimann anfangs gewundert, wie unkompliziert man sich selbst mit vielen Gegnern unterhalten kann. Gestern lud SVP-Nationalrat Andreas Aebi, Bauer, Vieh- und Pferdehändler, auf seinen Hof und erzählte etwas über Naturschutz. Er fragte Guldimann: «Chunsch au?» – Guldimann: «Ja, okay.» Eine solche Kollegialität existiere im Bundestag nicht.

Mühe hat er hingegen mit der Hektik im Rat. Man sei drinnen und draussen, das Telefon schelle, ein Journalist wolle etwas und dann sei wieder Abstimmung und dann müsse man einen Vorstoss vorbereiten und Zeitungen lägen auch noch herum. Guldimann beklagt eine wirre Atmosphäre, «ruhige Arbeit ist nicht angesagt». Ich bin erstaunt: Der Nationalrat ist mir nie durch Betriebsamkeit aufgefallen. Guldimann aber sagt: «Doch, es ist Hektik. Auch wenn man von oben runterschaut und denkt, die lesen ja nur Zeitung.»

Das Telefon schellt wieder. Guldimann: «Hallo, ich bin gerade an einem Mittagessen hier.» Es ist seine Frau, die Spiegel-Journalistin Christiane Hoffmann. Einige Fragen der privaten Haushaltführung werden jetzt geklärt, Terminkalender abgeglichen.

Der Germanophile

Im August 2012 schrieb die Süddeutsche Zeitung über Guldimann: Der schlanke, fast hagere Diplomat sei «das Beste, was die Schweiz neben vorzüg­licher Schokolade und feiner Bergluft zu bieten vermag». Damals verhandelte er im Steuerstreit für die Schweiz. Deutsche finden Guldimann gut.

Und Guldimann findet auch die Deutschen gut. Sich selbst bezeichnet er als germanophil. Was ihn an dieser deutschen Kultur so anziehe, frage ich einige Zeit später, als Guldimann sein Gespräch beendet. «Dieser» stellt für Guldimann bereits eine Provokation dar. «Die Schweiz ist Teil des deutschen Kulturraums», sagt er. Als Germanist muss ich intervenieren: «deutschsprachiger Kulturraum». Guldimann legt seine hohe Stirn in Runzeln, macht einen Laut wie «äääh» und erzählt eine Geschichte. «Ich habe mich als Botschafter dafür eingesetzt, dass die Schweiz bei der Büchermesse von Leipzig 2014 prominent teilnimmt, aber nur unter der Bedingung: Die Schweiz ist nicht Gastland. Die Schweiz ist im deutschen Kulturraum nicht Gast, die Deutschschweizer Literatur ist Teil der deutschen Literatur», erklärt Guldimann. So habe man sich auf «Schwerpunktland Schweiz» geeinigt – «das lief super, war schwer erfolgreich».

Mit Befremden stelle er fest, dass sich die Schweizer vom Deutschen in den Dialekt zurückzögen. In der Primarschule habe er noch gelernt, dass es in der Nähe von Zürich einen Katzensee gibt. Als er da letzthin vorbeifuhr, sah er einen Wegweiser: Büsisee. «Warum haben wir eine solche Angst vor den Deutschen, dass wir den Katzensee in Büsisee umtaufen müssen!»

Tatsächlich ist der Büsisee nur ein künstliches Becken zur Entwässerung der nahen Autobahn. Der Katzensee heisst immer noch Katzensee. Manche Schweizer fürchten, die Schweiz könnte sich in Europa bis zur Unkenntlichkeit verflüchtigen. Guldimann hat Angst vor dem Sonderfall, vor einer Schweiz, die immer sonderbarere Marotten entwickelt. «Büsisee» – ein Zeichen.

Europa war aber auch schon mal attraktiver, das sieht auch Guldimann. Die EU sei ein Gebilde mit immensen Schwierigkeiten. Dann zitiert er den deutschen Aussenminister Steinmeier: «Wenn die EU in einem Jahr noch die gleiche ist wie heute, haben wir sehr viel erreicht.» Nach einem Projekt, an dem man gern teilhaben möchte, klingt das nicht. Doch dies, sagt Guldimann wieder einmal, sei die falsche Frage. «Die Frage ist nicht, ob die EU gut oder schlecht ist. Die Frage ist, wie wir uns mit unserer Umwelt arrangieren.» Guldimann sagt: «Zu meinen, wir seien auf einer Insel und könnten uns abschotten, funktioniert nicht.»

Guldimann legt keinen Wert darauf, in Deutschland akustisch als Schweizer wahrnehmbar zu sein, das war schon zu Botschafterzeiten so. «Das ist mir nicht wichtig.» Dass er wie ein Deutscher töne, glaube er dennoch nicht. «Aber ich bemühe mich sicher nicht, möglichst viele Knacklaute in mein Hochdeutsch einzubauen.» Zu Hause spreche er mehr Hochdeutsch als Schweizerdeutsch. Seinen Teenager-Töchtern, die wie seine Frau die deutsch-schweizerische Doppelbürgerschaft haben, will er die Schweiz aber schon vermitteln. So habe er geschaut, dass die Töchter bei der Vereidigung im Nationalrat auf der Tribüne dabei waren. «Das fanden sie eindrücklich», erzählt Guldimann, «aber das kollektive Schwören fand eine Tochter auch unheimlich, gruselig, wie sie sagte.» Guldimann meint: «In Deutschland würde eine solche Zeremonie Erinnerungen an das Dritte Reich wachrufen.»

Guldimann ist einer, der nach dem Grossen strebt: grosse Gebilde, grosse Staaten, grosse Gedanken. Er selbst, Urs Christian Timotheus Guldimann, der Mittlere von fünf Brüdern, Sohn des BAZL-Direktors Werner Guldimann, aus Uetikon, Zürich, sass in den vergangenen Jahren selbst am Tisch, als über Krieg und Frieden verhandelt wurde, in Tschetschenien, Kosovo, in der Ukraine. Der hagere Herr Guldimann, Professor aus der Schweiz, ein talentierter Diplomat. Und gewissermassen ist er das auch geblieben.

Der Emissär

In der Schweiz klingt er stets wie der EU-Aussenminister, den es nicht gibt. Oft spricht er weniger von den Interessen der Schweiz als von den Bedenken der EU, und er hat dabei ein erhebliches Einfühlungsvermögen in den europäischen Verhandlungspartner. Damit konfrontiert, wehrt sich Guldimann, als widerfahre ihm ein Tribunal: «Ich bin kein Landesverräter.» Er versuche lediglich, die Aussenansicht in die innere Debatte einzubringen, «gegenüber den Deutschen spiele ich eine andere Rolle».

Gewissermassen stimmt das auch: Guldimann ist ein Emissär zwischen der Schweiz und Europa geblieben, mit Schlagseite Europa. Er betont, wie er sich stets für die bilateralen Verträge eingesetzt und den Vorwurf des Rosinenpickers in Deutschland standhaft zurückgewiesen habe: «Ein Vertrag ist Ausdruck ausgewogener Interessen. Wenn ihr Verträge unterschreibt, aber damit nicht zufrieden seid, seid ihr selber schuld.» Ein stiller Diplomat ist Guldi­mann nicht, ein bisschen Aufmerksamkeit fordert er für sich schon ein. Keine Horoskopgeschichten, klar, aber ein Interviewbuch, wo die richtigen Fragen gestellt werden. Letztes Jahr hat er es veröffentlicht. Gerne könne ich daraus zitieren und einfach schreiben, es sei so im Gespräch gesagt worden.

Der Schwyzer Schriftsteller Meinrad Inglin schrieb 1939 vor der Mobilmachung für den Zweiten Weltkrieg in sein Tagebuch: «Ich habe einen Zuwachs an robusten Erlebnissen gar nicht nötig.» Es schien ihm, dass die Ereignislosigkeit der Schweiz sein Leben schon genug ausfülle. Ob ihm seine Literatur recht gibt, ist umstritten. Guldimann jedenfalls ist einer, der das Weite sucht. Er träumt von der EU, nennt sich selbst einen Fantasten. Er lebt in Deutschland, in die Schweiz pendelt er nur.