Di, 01. Nov 2016 | Thema | Seite 2

Der Düsentrieb der Schweizer Plastikbranche

Keiner zelebriert den Werkstoff «Kunststoff» so zielstrebig und lustbetont wie der Erfinder Lars Rominger

Von Daniel Wahl

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Edlibach/Aarau. In dieser künstlichen Welt der Kohlenstoffatome, in der PET-Flaschen aufgeblasen werden, in der Granulat zu bunten Plastikwasch­becken verschmilzt, überhaupt in der Welt, in der ein halber Haushalt eines Menschen entsteht, da ist Lars Romingers Universum. Lars Rominger ist irgendwie besessen. Bereit, Tag und Nacht unter künstlichem Licht zu arbeiten. Umgangssprachlich könne man ihn als Nerd bezeichnen – «eine hochkarätige Fachkraft mit geringer Anpassungsfähigkeit». Das ist seine humorvolle Eigenbeschreibung und darum auch übertrieben. Seine Kunststoffküchen und seine Backöfen befinden sich bei der Rominger Kunststofftechnik GmbH sowie beim Pharma- und Health­care-Unternehmen Gerresheimer Küssnacht AG. Es müssen die Orte sein, denen die Bio-Fundis und Plastikgegner den Rücken mit Grauen zuwenden würden.

Ein Beispiel: Der Prozess, den der Wein über Monate im Eichenfass durchläuft, müsse doch viel schneller und ökonomischer umgesetzt werden können, befand Rominger. Also entwickelte er ein Kunststoffstäbchen, an dem ein mit seiner bislang nicht geknackten Geheimformel behandeltes Eichenpfröpfchen sitzt. Tunkt man diesen Weinveredler, den «Barriqueur», in eine beliebige Flasche eines Stahltankweins, hat man innert Stundenfrist einen Eichenfasswein. So, dass ihn die Önologen nicht mehr zu unterscheiden wissen. Die Bio-Welt schäumte: «Möge Lars Rominger von einer Eiche erschlagen werden und sein unseliges Erbe in einem Barrique-See ertrinken», hiess es in einem Weinjournal. Das war der Ritterschlag. Den 50-jährigen Mann und seine Erfindungen muss man ernst nehmen.

Grenzenlos wie in Science-Fiction

In Romingers Welt verschmelzen ­Chemie und Physik in modernen Industriebacköfen nach seinen Rezepten zu neuen Produkten. Sein Leben sei ­spannend wie ein Science-Fiction-Film, sagt der «Star Wars»-Fan, der nur zu gerne mit der Plastik-Darth-Vader-Maske auftaucht oder sich in die Kapuze eines Jedi-Ritters photoshopt und dazu schreibt: «LarsWars» – ein Schlagwort, das er übrigens gerne seinen Erfindungen nachschiebt.

Bei allem Ernst der Wissenschaft, mit dem er als Head of Operational Excellence und Customer Support Technical ein Kunststoff-Techniker-­Team leitet und immer wieder Bahn­brechendes wie den kompostierbaren Plastiksack (Green Bag) auf den Markt bringt – der Lausbub ist ihm geblieben, sein verschmitztes, aber sanftes Lachen auch. «Star Wars»-Fan sei er wegen der Kreativität, der Fantasie und der Grenzenlosigkeit, die sich im Weltall verkörpert.

Ohnehin ist das «LarsWars»-Hirn etwas anders konstruiert. Er scheint die Fähigkeit zu besitzen, ganze Molekülketten dreidimensional im Kopf auszudenken und dieses Gewebe im Hirn drehen zu lassen, wie es Computermodelle tun, um dann den passenden Schlüssel zu finden, der ins Schloss passt. Eine Leistung, die Rominger auf der Toilette und an jedem anderen Unort tut, bezeugen seine Teamkollegen. Rominger erklärt es gerne plastisch: «Ein kom­plexes Molekül ist das Acrylnitril-­Butadien-Styrol – der steife und zähe Kunststoff mit hohem elektrischen Widerstand bei relativ geringer statischer Aufladung, der beispielsweise für Legobausteine verwendet wird. Hänge ich ein neues Molekül an, erhalte ich ganz andere Eigenschaften. Das ist das Faszinierende. Und mittlerweile kann ich mir die Ergebnisse im Kopf ausdenken.» Für den Rest, die Kunststoff-­Bestimmung, hat er einen Laborkoffer entwickelt, den er vertreibt und welcher Kunststofftechniker bei deren Arbeit standortunabhängig macht.

Aufstand gegen das Bisherige

Es soll bloss keine Routine aufkommen: «Das ist nervtötend. Ich bin glücklich, wenn wir dank Denkarbeit und dem Austausch im Team zu neuen Ansätzen oder neuen Produkte finden können. Dann gehe ich abends zufrieden nach Hause.»

Wenn da nur nicht die Hindernisse wären – jene Gedankengebäude, die sich wie Naturgesetze im Gehirn einbrennen und unterbinden, Neues zu denken. «Diese Muster zu durchbrechen, zähle ich zu den grössten Herausforderungen», erklärt er. Er sagt es auch immer wieder seinen Nachdiplomstudenten der Höheren Berufsbildung Uster (HFU) oder den Kunststofftechnikern an der Schule für Technik, Wirtschaft und Informatik IBZ Aarau und Zürich. So erzählt der IBZ-Diplomand Roman Ulrich, wie seine Studienkollegen und er zusammen mit dem Lehrer Modellraketen bauten und starten liessen und sich «dem Speziellen statt dem Alltäglichen» zugewendet hätten. «Das machte den Unterricht interessant, Rominger hat die Faszination des rätselhaften Werkstoffs Kunststoff mit Enthusiasmus vermittelt.»

Biologisch abbaubarer Plastik

Die Geschichte der Entwicklung des kompostierbaren Plastiksacks ist ein Beispiel für die Überwindung von Gedankengebäuden. Bislang galt in der Kunststoffbranche als unumstösslich, dass lange Kohlenstoff-Ketten zwar biologisch abbaubar sind, aber wegen ihrer Instabilität schneller zu reissen drohen. Kurze Molekülketten hingegen sind stabil, dafür nicht abbaubar. Mit einem Trick bei der Verarbeitung konnte Rominger dieses Kunststoffgesetz überlisten: Er überdehnte kurze Ketten. Der «Green Bag» reisst in den Händen der Konsumenten nicht, aber nach ein paar Monaten der prallen Sonne und dem Regen ausgesetzt verrottet er.

Fachzeitschriften haben das Potenzial dieser Erfindung gesehen. «Aber diverse Verbände kamen sehr schnell mit Vorschriften», sagt Rominger. Als er persönlich feststellte, dass die Verbände mit Vertretern aus dem Detailhandel durchsetzt waren, denen der «Green Bag» gar nicht gelegen kam, hat Rominger das Patent verkauft.

«Nun investiere ich in die Entwicklung eines optisch sichtbaren Desinfektionsmittels. Wer nicht mehr steril ist, wird es anhand eines Indikators sehen und rote oder blaue Stellen an den Händen bekommen. Er kann sich wieder neu desinfizieren, bevor ein ganzes Lot kontaminiert ist. «Damit hätte die Industrie schon Hunderttausende von Franken Geld sparen können und nicht ganze Chargen wegwerfen müssen», sagt Rominger. Mit der Fachhochschule sei er in der Prototypenphase.

Er sei eben ein Tüftler, schrieben mehrfach Autoren von Fachzeitschriften über den Kunststoffexperten. Doch das Wort Tüftler zu verwenden, ist auf den 50-jährigen Wissenschaftler bezogen eine Beleidigung. So, als würde man einen Raketenbautechniker mit «Bastler» etikettieren. Neue Erfindungen weist er aus, neun Patente hat er angemeldet, Fachbücher und das offizielle Lehrmittel, das «Kompendium Qualitative Kunststoffanalytik», stammen aus seiner Feder. Von Idee Suisse ist er zum Innovativen Unternehmer des Jahres 2016 gewählt worden. Den «Schweizer Preis der Idee Suisse zur Förderung ­­ der wirtschaftlichen Zukunftschancen» wird er übrigens am 15. November in Menzingen in Empfang nehmen.

Disziplin und Provokation

Hinter dieser Anerkennung steckt Disziplin. «Gute Ideen sind kein Zufall. Ich prüfe jede Idee sachlich, kritisch und emotionslos mittels eines von mir entwickelten Rasters. Hält die Kernidee dieser Überprüfung nicht stand, wird sie nicht weiterverfolgt.» Dieses Denken macht offenbar selbst im Privaten nicht halt. Sein Auto, ein Dacia Duster, ist Preis-Leistungs-optimiert ausgewählt worden. Rominger fährt nicht mit einem fetten Protzkarren. Irgendwie müsste die ganze Familie «lean-managed» – prozessoptimiert im Hinblick auf den Erfolg – aufgestellt sein, so die Vermutung. «Ja», bestätigt der Angesprochene den Verdacht: «Wir leben ein hocheffizientes Familienmodell – ich bringe das Geld nach Hause, meine Frau Jolanda steht am Herd und sorgt für die drei Töchter.»

Auch dieser Schuss Provokation sitzt. Und immer wieder ist auch ein Spritzer Erotik dabei: Wenn Rominger mit der hässlichen Chemiebrille neben einem flotten Model posiert, um die Fliptube – einen kleinen Behälter mit Klappverschluss, der einhändig bedienbar ist – zu propagieren oder um den Büstenhalter, der dank einer elastischen Viskosefaser nie ausleiert, zu promoten. Überhaupt liesse sich das Problem der Elastizität, der Überdehnung der Fasern, am Beispiel des Büstenhalters am besten erklären, fand Rominger. Und didaktisch sauber aufbereitet flossen Volumen, Gravitation, Fliehkraft im Zusammenhang mit dem BH ins Lehrmittel ein. «Danach hat kein Student an den Prüfungen mehr Fehler dazu gemacht», sagt Rominger. Gleichzeitig erhielt er aber Probleme mit den drei Beamtinnen aus Bundesbern, die das Lehrprogramm als nicht «genderkonform» beurteilt hatten.

Vermutlich hat in Bern auch die Idee der Einführung einer «Miss Polymer» zu Missfallen geführt. «Obschon meine Arbeit einen tieferen Sinn hat, bediene ich mich der Oberflächlichkeit – um Aufmerksamkeit zu holen für die Kunststoffbranche», sagt Rominger. Er beachte das Aida-Prinzip: Attention, Interest, Desire and Action. Auf den feministischen Gegenwind aus Bern reagierte Rominger jedenfalls mit einer Charme-Offensive und setzte als neues Botschafter-Model für den Werkstoff Polymer den Zuger alt Kantonsrat ­Thomas Brändle (FDP) ein.

Chemie und Liebe

Letztlich geht es auch um das Zusammenspiel von Erotik und (Bio-)Chemie beim von ihm entwickelten Love-Dating-App, einem Partnerschafts-­Vermittlungs-App. «Mit dem Lofi-App erhöht sich signifikant die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Ihrer Liebe des Lebens begegnen. «Love Finder setzt auf In­­stinkt, Herz und Realität und ist nicht irgendeine ‹Cyber-Blendung›, die sich dann in der realen Welt als instabil erweist», bewirbt Rominger sein Produkt und schwört auf das «Bauchhirn», das in Sache Liebe die untrüglichen Signale sendet.

Dass hier Biochemie, Liebe und auch Glaube eng verwandt sind, zeigt sich in der Betriebsanleitung, die auf eine Verschmelzung dieser drei hindeutet. «Vom Bauchhirn kommt die grösste Masse an Information, an Feedback, das im Kopfhirn verarbeitet wird. So wird das irrationale Unbewusste beziehungsweise das Bauchhirn zum protektiven Ratgeber, der über dem rationalen Wissen steht, denn: Wissen bläht auf, doch die Liebe baut auf.» Letzter Satz könnte aus der Bibel stammen, aus der Rominger seine Lebens­inspiration holt.

«Aufdringlich ist Rominger dennoch nicht», sagt die Teamleaderin Microbiology Nadja Baenzinger, die mit dem sprudelnden Erfinder zusammenarbeitet. «Er nimmt sich allen Menschen gleich an, ob es Schichtleute sind, die kaum Deutsch sprechen, oder Geschäftsleiter.» Nicht umsonst sei Rominger zum «Wertebeauftragten», ein zwischenmenschlicher Problemlöser bei der 200-köpfigen Gerresheimer Küssnacht AG, gewählt worden. «Das macht er super», so Baenzinger.

Aber woher bloss rührt diese Zielstrebigkeit im Leben dieses Bürgers aus Bretzwil (BL)? Dieser Drang, Erster zur sein, vorneweg zu radeln und allen eine Nasenlänge voraus zu sein, muss in der DNA der Familie Rominger liegen. «‹Lieber tot als Zweiter›, lautete unser Familienmotto.» Lars Rominger witzelt überall darüber. Sein Bruder, der erfolgreiche Radfahrer Tony Rominger, muss das Motto ernst genommen haben.