Mo, 19. Dez 2016 | Sport | Seite 28

Arnold Gjergjaj boxt sich in der Kaserne gegen Jasmin Hasic zum Pflichterfolg und sagt danach, dass er noch nicht der Alte sei

Sieg ohne Biss

Von Tobias Müller (Text) und Florian Bärtschiger (Fotos)

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Red Hot Chili Peppers dröhnt aus den Lautsprechern, «Around the World», wie immer, wenn Arnold Gjergjaj vor einem Kampf in seinem weissen Mantel durch die Menge auf den Ring zuläuft und diesen dann unter tosendem Applaus betritt.

Der Prattler positioniert sich in der blauen Ecke, Mantel weg, Mundschutz rein, letzte Anweisungen von Betreuer Angelo Gallina, der ruhig auf seinen Schützling einredet. 1,96 Meter gross, weisse Hose, «The Cobra», kündigt der Speaker den Baselbieter an. Ihm gegenüber der Bosnier Jasmin Hasic, auch 1,96 Meter gross, schwarze Hose, kein Übername. Die Musik verstummt, für einen kurzen Moment Stille, dann ertönt der Gong. Die Menge dreht durch. «Mach ihn fertig, Arnold», schreit einer.

Oben Stimmung, unten Stille

Die 31. Austragung des Boxeo in der Kaserne beginnt kurz vor 20 Uhr zu leben, eine Zuschauerschlange bildet sich vor dem Eingang, in der Halle trudeln die ersten Box-Verrückten ein. Bier wird getrunken, Gulaschsuppe für neun Franken ausgeschenkt. Angelo Gallina, Organisator des Events, schreitet über den Rasen vor der Kaserne und betritt die Halle. «Ich bin entspannt, keine Aufregung», sagt er. Es komme schon alles gut.

Im hinteren Teil der Kasernenhalle steht der Boxring, der von grossen Scheinwerfern beleuchtet wird. Amateure kämpfen am frühen Abend gegeneinander, 14-Jährige messen sich, Frauen zeigen, dass auch sie kämpfen können. Einstimmung auf das Highlight, das am Schluss des Abends folgt.

Während oben die Kämpfe immer härter werden, die Boxer immer muskulöser, die Stimmung bei den Zuschauern immer ausgelassener, ist es unten in den Katakomben noch still. Arnold Gjergjaj steht in seiner Garderobe und sieht gar nicht aus, als würde er an diesem Abend noch in den Ring steigen. Die Hände in den Hosen- taschen, mit einem Grinsen steht er da und sagt: «Die Nervosität kommt dann schon noch.» So, als müsse er sich dafür entschuldigen, wie locker er drauf ist. Nebendran, in den grauen, kalten Gängen, wärmen sich Amateure auf, die noch vor Gjergjaj in den Ring dürfen und die ebenfalls von der ganz grossen Karriere auf der ganz grossen Bühne träumen. Es riecht nach abgestandener Luft, konzentrierte Mienen.

Nicht so in der privaten Garderobe Gjergjajs, wo sich das «Team Cobra» die Zeit vertreibt. Neben Gallina sind dort auch Trainer und Cutman Beat Ruckli sowie enge Vertraute des 32-Jährigen. Es wird über alles Mögliche geredet, ausser übers Boxen. «Gerade eben haben wir über Politik gesprochen», sagt ein Freund Gjergjajs und lacht.

«Keine Fragen mehr!»

Während oben bei den Amateurkämpfen in der Haupthalle gerade Pause ist und ein Interview-Film mit Angelo Gallina auf der Grossleinwand gezeigt wird («Boxen ist einzigartig, sogar meine 75-jährige Mutter schreit bei den Kämpfen von Arnold herum»), ist die Stimmung unten in der Gjer­- gjaj-Kabine plötzlich eine ganz andere. Der richtige Gallina schaut besorgt. «Jetzt keine Fragen mehr an Arnold, er muss sich konzentrieren», sagt er.

In der Garderobe hat sich Gjergjaj umgezogen, weisses enges T-Shirt, schwarze Hose, die Boxstiefel satt geschnürt. Kein lockeres Lächeln mehr im Gesicht, sondern ein fokussierter, ernster Blick. Als Nächstes werden die Handschuhe montiert. «Es soll ihm jemand noch einen Kübel zum reinspucken bringen», sagt Gallina und geht hinaus. Er schreitet in die Halle, betritt den Ring, schnappt sich das Mikrofon und heizt die 600 Zuschauer an: «Arnold wird nachher eure volle Unterstützung brauchen, also macht mal richtig Krach!» Die Menge tobt.

Anton Gjergjaj, Arnolds Bruder, steht neben dem Ring, ist still und lächelt. Er freue sich auf den Kampf, ist gespannt, wie sein Bruder auftreten wird. «Es war keine einfach Zeit nach der Niederlage gegen Haye. Arnold war in den Wochen danach verschlossen, auch sehr ruhig», sagt Anton. Er habe sich gleich mit seinem Bruder zum Essen getroffen und ihn ermutigt, weiterzumachen, als dieser von London nach Hause kam. «Arnold ist nicht einer, der wütend wird, wenn ihm etwas nicht gelingt. Er ist dann traurig und sagt nicht viel.»

Plötzlich wird es dunkel im Saal, der grosse Moment ist gekommen. Lichtershow, Lärm, Gänsehautstimmung, Red Hot Chili Peppers. Gallina bahnt Gjergjaj den Weg durch die Menge zum Ring. Ein letztes Mal durchschnaufen. Dann endlich: «Gonnnnng».

Gjergjaj boxt, Hasic irrt umher

Die ersten drei Runden zwischen Gjergjaj und Hasic sind eher gemäch­liches Abtasten denn Kampf Mann gegen Mann, vereinzelt trifft der Baselbieter seinen Gegner präzise im Gesicht. Es reicht jedoch nicht, um den Brocken aus Bosnien wirklich in Bedrängnis zu bringen. Dieser beschränkt sich nur aufs Klammern und Schwingen, irrt wie ein Verlorener im Ring umher – keine grosse Boxkunst. Gjergjaj (Weltranglistenposition 44) ist gegen Hasic (Position 504) überlegen.

In der 4. Runde trifft Gjergjaj seinen Gegner mit seiner gefürchteten Rechten, die eine Schlaghärte von 550 Kilo hat. Seinem Gegenüber versagen die Beine, als wäre er gerade von einem Güterzug gerammt worden. Betreuer Gallina springt ausserhalb des Rings herum und schreit: «Jäwoll!» Der Bosnier hängt in den Seilen, kann sich aber nochmals aufrichten – ein paar Sekunden später erlöst ihn der Pausengong. Danach ist alles schnell vorbei. Nach einem erneuten Treffer Anfang der 5. Runde greift sich Hasic an die Schulter, es geht nicht mehr weiter, Schul­terverletzung. Gjergjaj gewinnt nach technischem K. o. Sein 30. Sieg im 31. Kampf.

Keine 25 Minuten hat der Kampf gedauert. Gjergjajs Selfie-Marathon danach mit seinen Fans dauert zehn Minuten länger.

Haye ist noch im Kopf

Als sich die Kaserne langsam leert und das letzte Bier getrunken ist, wird es für den 32-Jährigen Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen. Gjergjaj sitzt in seiner Garderobe, isst einen Eiweiss-Riegel, trinkt literweise Wasser – die Dopingkontrolle steht noch an. Er sagt: «Zur Wiedergutmachung reicht das für mich nicht» und meint damit, dass er immer noch an der Niederlage gegen David Haye im Mai zu beissen hat. «Das, was dort passiert ist in London, ist immer noch in meinem Kopf.»

Der Erfolg gegen Jasmin Hasic ist ein wichtiger Sieg, um wieder dahin zu kommen, wo er vor dem London-Debakel war, verleitet aber niemanden zu ausgelassenen Freudensprüngen. Zu wenig stark war der Gegner, zu defensiv und träge hat Gjergjaj in den ersten drei Runden geboxt. Es fehlte die Aggressi­vität, die ein besserer Boxer in Zukunft von ihm abverlangen wird. Der Prattler sagt: «Ich bin noch nicht der alte Arnold, dafür brauche ich noch ein, zwei Aufbaukämpfe, die mir Selbstvertrauen geben.» Und: «Ich brauche wieder mehr diesen Biss, den ich seit der Niederlage in London verloren habe.»

Auch Angelo Gallina sieht das so: «Früher hätte er diesen Gegner zum Frühstück gefressen, heute hat er zuerst mal abgewartet.» Es sei aber einfach wichtig gewesen, nach der Schlappe gegen Haye weiterzumachen und nicht einfach alles aufzugeben. «Viele gute Boxer treten nach ihrer ersten Niederlage gleich zurück. Arnold ist nicht so», sagt Gallina.

Im März oder im April will Gjergjaj zum nächsten Mal in den Ring steigen, ein weiterer Aufbaugegner soll es sein, der «mich weiterbringt und mich fordert». Zuerst einmal muss sich der 32-Jährige heute aber eine Platte aus der rechten Hand rausoperieren lassen, die seit einem Handbruch infolge einer Kampfverletzung von vergangenem Jahr drin ist. Geplant sind drei bis vier Wochen Pause, dann soll es weitergehen.

Fest steht: Im Juni wird der Prattler sicher nicht kämpfen. Dann nämlich erwarten er und seine Frau Marta ihr erstes Kind. In dem Moment, als er den Journalisten diese Neuigkeiten erzählt, lächelt Arnold Gjergjaj wieder.