Sa, 15. Okt 2016 | Thema | Seite 3

Wer zur Elite gehört, schimpft über die kleinen Leute. So weit sind wir wieder.

Erinnerungen an Theo

Von Markus Somm

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Als ich Student war – in meiner linken Phase –, traf ich gelegentlich Theo Pinkus, den alten Kommunisten. Er wohnte mit seiner Frau in einer Genossenschaftssiedlung in Zürich-Wollishofen – und was mir von dieser engen, bescheidenen, ja muffigen Wohnung geblieben ist, sind die Bücher, die überall, an den unmöglichsten Orten, wo immer ein paar Zentimeter frei schienen, verstaut waren. Wir sprachen über Geschichte und die Revolution, an die ich nie glaubte, und die Theo unverdrossen anstrebte. Und jeden Autor, den er nannte, stufte er ein, entweder war er «reaktionär» oder in Ordnung – welchen Ausdruck er dafür verwandte, ist mir entfallen. Seine Frau Amalie sass oft daneben und stimmte ihm meistens zu.

Theo hatte in den zwanziger Jahren in Berlin gelebt, jenem Berlin, wo sich die Nazis und die Kommunisten Strassenschlachten lieferten und sich dabei häufig auch gegenseitig umbrachten, wobei die Nazis, davon waren wir überzeugt, stets brutaler vorgingen. Als Jude und Kommunist höchst gefährdet, verliess Pinkus Berlin, nachdem die Nazis 1933 die Macht übernommen hatten. Er kehrte zurück in seine Heimat Zürich und die Schweiz, das bürgerlichste Land der Welt, wo er auf Granit biss, wenn es um die Erreichung seiner politischen Ziele ging. Und doch verlor er nie den Mut und die Leidenschaft für die Revolution. Selbst als Stalin im Zuge der «Säuberungen» praktisch die ganze Generation der alten Bolschewisten, die 1917 Russland zum ersten kommunistischen Staat der Geschichte gemacht hatten, liquidierte und darüber hinaus zahllose Menschen folterte, verfolgte und tötete, verlor Pinkus den Glauben an den Kommunismus nicht. Man musste ihn aus der Partei ausschliessen, wie man ihn später auch aus der SP warf: Theo Pinkus, der Sohn eines Zürcher Bankiers, der bankrott gegangen war, blieb links und revolutionär. Später wirkte er in der Partei der Arbeit mit, der neuen kommunistischen Partei der Schweiz – auch dort hasste und bewunderte man ihn zugleich.

Das heilige Proletariat

Natürlich sprachen wir auch über das Proletariat, über die Arbeiter und Büezer, für die man sich einzusetzen einbildete, und was mir als Zweites blieb, war die fast religiöse Verehrung, die Theo für diese Menschen hegte: Es waren bessere Menschen, moralisch, ideologisch, am Ende würden sie ohnehin zu den Siegern der Geschichte gehören – und ich sage das ohne jede Ironie, sondern mit Bewunderung. Der Bankierssohn meinte das ernst – ob er sie auch wirklich verstand, ob er mit ihnen genauso gerne über reaktionäre Historiker stritt wie mit mir, dem Managersohn: Ich weiss es nicht mehr. Sicher strengte er sich an. Nie aber – und daran musste ich neulich denken, als ich über den Zustand unserer politischen Kultur sinnierte –, nie hätte er mit jener Verachtung über einfache, «schlecht ausgebildete» Leute gesprochen, wie es heute so verbreitet ist in den Kreisen der politischen und akademischen Elite.

«A Basket of Deplorables», ein Korb von Beklagenswerten, nannte Hillary Clinton solche Leute vor Wochen, als sie die Anhänger von Donald Trump beschrieb: rassistisch, sexistisch, homophob, xenophob, islamophob. Und da die Umfragen damals, als sie das sagte, nahelegten, dass fast die Hälfte der amerikanischen Wähler sich von Trump angesprochen fühlte, beschimpfte Clinton also Millionen von Amerikanern als Rassisten und so weiter – man durfte sich das Schimpfwort je nach Geschmack aussuchen. Inflation der Invek­tiven. Ebenso beliebt in Kreisen der studentischen Linken oder der linksliberalen Publizistik ist der Ausdruck der «alten, zornigen Männer», die angeblich um ihren Status besorgt sich deshalb für rechte Parteien erwärmten. Natürlich, so heisst es, sind das Rassisten und Sexisten, natürlich sind sie dementsprechend schlecht gekleidet (weisse Socken, Mephisto-Schuhe), haben merkwürdige Hobbys (Autofahren), hören die falsche, rechte Musik (DJ Bobo): Sie sind in jeder Beziehung Menschen ­zweiter Klasse.

Die «Angry White Men», die «braunen AfD-­Anhänger», der «Little Englander», der aus ­Fremdenangst für den Brexit stimmt, die «SVP-­Mannen», die immer nach abgestandenem Villiger-Kiel-Stumpen riechen, die «Wutbürger»: Wer politisch, weltanschaulich unseren Eliten nicht mehr zusagt, wessen Sorgen und wessen Widerspruch sie nicht goutieren, wird heute auf eine Art denunziert, wie man das vielleicht das letzte Mal im Ancien Régime in Kreisen der Aristokratie getan hat, als man sich über die dummen, groben Bauern lustig machte, bevor man sie mit der Kavallerie niederritt. Es ist heute im Westen ein Klassenkampf von oben im Gange, wo die Oberschicht die Unterschicht hemmungslos beschimpft. In einem aufschlussreichen Interview mit der Weltwoche kommentierte der französische Schriftsteller Michel Houellebecq: «Dieses Phänomen hat sich in letzter Zeit stark verschärft. Lange Zeit hat in Frankreich die Kommunistische Partei das Thema dominiert und war zumindest respektiert. Früher wurde das Volk, wurden die Proletarier, wie es damals hiess, fast wie Heilige verehrt. Man hielt sich immer zurück und hat gefragt, was wohl die Proletarier über dies und jenes denken.»

Heute dagegen, da sich offensichtlich bei vielen einfachen Leuten ein Unbehagen über manche politischen und wirtschaftlichen Missstände breitmacht, ist von diesem alten Respekt der Eliten, den nicht nur die Kommunisten pflegten, sondern alle, die sich mit der Demokratie abgefunden hatten, kaum mehr etwas zu spüren. Selbst bei uns – dabei war es gerade für die Schweizer Eliten stets ein Tabu, allzu hochmütig über den Bünzli zu denken, geschweige denn zu reden – aus Gründen der Selbsterhaltung. Nirgendwo hatte der «kleine Mann» nämlich so viel zu sagen – wegen der direkten Demokratie, sodass jeder Politiker, jeder Wirtschaftsführer und jeder Journalist, der etwas erreichen wollte, sich hütete, die Unterschicht oder den Kleinbürger herabzusetzen: Es bedeutete politischen Selbstmord.

Refeudalisierung der Oberschicht

Warum sind die Eliten heute so hemmungslos geworden? Weil sie keine Angst mehr haben, vom Wähler bestraft zu werden. In repräsentativen Demokratien wie etwa Deutschland sind sich die beiden jeweils grössten Parteien, ob links oder rechts, in manchen zentralen Fragen so einig geworden, dass der Wähler kaum mehr eine Alternative hat. Er kann sich mit dem Stimmzettel nicht mehr wehren. Ob Immigration, politische Korrektheit, EU und Euro, Klimawandelpolitik oder internationales Regime: CDU und SPD unterscheiden sich bloss in Nuancen voneinander. Noch verfügen die beiden traditionell stärksten Parteien Deutschlands über eine Mehrheit, wenn auch eine prekäre, sodass sie sich jedenfalls immer noch trauen, zu tun, was ihnen gerade einfällt. Hätte die Energiewende – um ein unverdächtiges Beispiel zu nehmen – in Deutschland je eine Mehrheit erhalten, wenn die Bürger hätten darüber abstimmen können? Ich zweifle daran – und in der Schweiz werden wir dank dem Referendum der SVP bald Gelegenheit haben, diesen Test zu erleben. Dass Doris Leuthard, die aktivistische Bundesrätin der CVP, in den vergangenen Jahren alles unternommen hat, um einer solchen Abstimmung auszuweichen, zeigt, dass selbst sie sich nicht so sicher scheint, ob ihre elitäre, weltfremde Energiepolitik so gut ankommt.

Die Eliten sind hemmungslos, weil sie das Urteil der Wähler nicht mehr zu fürchten brauchen – und wenn die Demokratie doch einmal mit ihren Plänen in Konflikt gerät, dann tun sie alles, damit diese demokratischen Entscheide an Bedeutung verlieren oder nicht umgesetzt werden. Deshalb sind fast alle Eliten im Westen neuerdings so verliebt in die internationalen Institu­tionen. Ob UNO, OECD, EU oder Nafta, ob europäischer Gerichtshof oder G-20: Die Eliten setzten auf sie, weil diese internationalen Regimes meistens die Demokratie in den Nationalstaaten untergraben oder umgehen, während diese Institutionen selber keineswegs demokratisch verfasst sind. Die Refeudalisierung der Oberschicht findet nirgendwo ein derart günstiges Umfeld. Wir werden entmachtet, ohne dass wir etwas dagegen tun können. Am meisten trifft das die einfachen Leute.

Theo Pinkus hat sich in fast allen Fragen der Politik geirrt. Der Kommunismus war die grössere und tödlichere Katastrophe als der Kapitalismus, den Theo damit überwinden wollte. Doch in einem war er ein Vorbild: in seiner Bescheidenheit, seinem einfachen, intellektuellen Leben, seiner Begeisterung für den einfachen Mann, die einfache Frau. Wenn er mich mit seinen kleinen, listigen Augen prüfte, und jede falsche Aussage ob ihres bourgeoisen Gehalts vernichtete: Es war doch immer Liebe zum Menschen zu spüren. Nie wäre ihm eingefallen, die Arbeiter und kleinen Angestellten von Wollishofen als Sexisten und Rassisten zu beschimpfen. Sie waren seine Helden.

markus.somm@baz.ch