Mi, 19. Apr 2017 | Thema | Seite 3

Wer, wenn nicht sie – wann, wenn nicht jetzt

Die Jungsozialisten haben im Baselbiet die SP übernommen. Ein Gespräch mit den Hauptverantwortlichen

Von Alessandra Paone

Basel. Samira Marti und Adil Koller stehen am Tresen der Caffè-Kultur-Bar zum Kuss in der Basler Elisabethen­anlage. Er: «Wie viel kostet der Kaffee?» Sie: «4.20» Er: «Ou, mir fehlen 50 Rappen.» Sie: «Ich kann sie dir geben. Ich schulde dir ja sowieso noch 50 Rappen.» Jan Kichmayr hat seinen Kaffee bereits bezahlt; er wartet draussen. Das ist die neue Generation der Baselbieter SP: grosszügig, schenkt aber niemandem etwas.

Adil Koller (23) wohnt in Münchenstein, studiert Wirtschaft und Soziologie an der Universität Basel, er schliesst nächstes Jahr ab. Seit Frühling 2016 ist er Präsident der Baselbieter Sozialdemokraten. Zuvor hat er die Partei ein Jahr lang gemeinsam mit der 64-jährigen Landrätin Regula Mesch­berger geleitet. Im Februar ist er in den Landrat eingezogen.

Samira Marti, ebenfalls 23, wuchs in Ziefen im Oberbaselbiet auf, wo sie heute noch lebt. Im Sommer schloss sie ihr Bachelor-Studium in Wirtschaft und Soziologie ab und wird nun den Master in Volkswirtschaft an der Uni Zürich absolvieren. Derzeit arbeitet sie als Projektleiterin bei der SP Schweiz. Sie war zwei Jahre Mitglied der Geschäftsleitung der Juso Schweiz, wäre vor einem Jahr beinahe zu deren Präsidentin gewählt worden und ist seit März Vizepräsidentin der SP Baselland.

Jan Kirchmayr (23) studiert Geografie und Geschichte an der Universität Basel, wohnt in Aesch. Er möchte dieses Jahr noch sein Bachelor-Studium abschlies­sen. Nebenbei arbeitet er als Lehrer. Im vergangenen Jahr rückte Kirchmayr für seine Mutter Christine Koch in den Landrat nach. Sein Vater, der Grüne Klaus Kirchmayr, sitzt ebenfalls im Parlament des Landkantons.

Wir treffen die drei an einem Freitagmorgen zum Gespräch. Treffpunkt hätte ein Ort sein sollen, mit dem sie sich identifizieren. Die Wahl fiel schliesslich auf das Caffè zum Kuss beim Bahnhof in Basel. Aus praktischen Gründen.

An diesem Tag geht es um die neue SP, um ihre Oppositionsrolle im Baselbiet, um deren neue Sprache. Um die Jusoisierung der Partei. Es geht aber auch um die FDP-Präsidentin Christine Frey und was sie im BaZ-Interview, das an diesem Morgen erschienen ist, über die SP gesagt hat: «Ich sehe einfach einige laute Juso wie Adil Koller, die noch Schwimmflügeli tragen und das Steuer in der kantonalen Partei übernommen haben.»

Wir sitzen draussen vor dem Lokal und trinken Kaffee. Es ist kühl, und Samira Marti greift zu ihrem dicken Schal, den sie extra fürs Foto abgelegt hatte. Adil Koller lacht. Was Christine Frey über ihn sagt, amüsiert ihn. «Was soll man denn machen, wenn wegen des Abbaudrucks der Rechten der Schwimmunterricht gestrichen wird.» Ein druckfähiges Zitat, das wenig später ähnlich formuliert auf Kollers Facebook-Account zu lesen ist, begleitet von Tränen lachenden Smileys. Dass die scheidende FDP-Präsidentin in ihrem Abschiedsinterview der SP einen ganzen Abschnitt widme, sei ein Armutszeugnis. Offenbar sei ihr Leistungsausweis derart bescheiden, dass sie auf Kritik an der Linken ausweichen müsse.

Inhaltlich, sagt Frey in dem Interview, sei bei der SP nicht viel vorhanden. Vielmehr gehe es darum, historische Anliegen der Partei zu bewirtschaften, die längst erfüllt seien – beispielsweise beim Arbeitnehmerschutz. Hinzu komme eine Totalobstruktion bei Sparmassnahmen und linksextreme Positionen. Sie fragt: «Wohin steuert diese Partei?»

Zurück zum Klassenkampf?

Wir fragen: Wird die SP linker? Zurück zum Klassenkampf? Kollers Antwort überrascht kaum. Es ist ein Satz, den Parteipräsidenten irgendwann einmal alle sagen: «Unsere ist eine breit abgestützte Partei. Und das ist richtig und gut so. Uns verbinden gemeinsame Grundwerte.» Kirchmayr

pflichtet ihm bei: «Das aktuelle SP-Präsidium ist das beste Beispiel dafür: Samira gehört dem linken Flügel an, Caroline Rietschi als Ge­meinderätin eher dem rechten und Adil steht als Präsident in der Mitte der beiden.» Von einem Linksrutsch könne also nicht die Rede sein, betont Marti. Ein Generationenwechsel, sind sie sich einig, trifft es besser.

Die drei sind ein eingespieltes Team, halten zusammen, stehen füreinander ein: Jan Kirchmayr über Samira Marti: «Sie wurde einstimmig zur Vizepräsidentin gewählt. Von Jung, Alt, von allen. Ihr Alter spielt keine Rolle. Weil sie einfach gut ist und wahnsinnig viel arbeitet.» Adil Koller über Jan Kirchmayr: «Einflussreich? Er tut auch viel dafür. Zwar gehört er dem Landrat erst seit einem halben Jahr an, hat aber bereits sechs fundierte und wichtige Vorstösse eingereicht. Etwa zur Ein­führung eines Vaterschaftsurlaubs.» Samira Marti über Adil Koller: «Er schreibt jedem neuen Parteimitglied persönlich eine Karte. Kennen Sie sonst noch einen Präsidenten, der das tut?»

Was sie verbindet, ist weit mehr als nur Politik. Es sind gemeinsame Erlebnisse, Träume und Ziele. Es ist eine Geistesverwandtschaft, aus der etwas Grosses entstehen könnte – für die SP, das Baselbiet, die Schweiz, vielleicht. Ihre gemeinsame Zeit bei der Juso ebnete den Weg dazu. Samira Marti und Jan Kirchmayr teilten sich von 2013 bis 2015 das Präsidium. Sie führten weiter, was Adrian Mangold als Präsident und dessen Vize Adil Koller angefangen hatten: Sie gaben den jungen Linken im Kanton eine Stimme, eine tragende.

Ende der Neunzigerjahre und noch Anfang dieses Jahrhunderts waren die Jungsozialisten im Baselbiet noch kein Thema. Zu Beginn noch als Störfaktor wahrgenommen – von manchen Bürger­lichen heute noch –, entwickelten sich die Jungpolitiker immer mehr zu einer treibenden Kraft im Kanton, die nicht nur aktiv am politischen Diskurs teilnahm, sondern diesen auch beeinflusste. Den Beweis dafür lieferten sie im Juni 2013, als sie mit ihrer Transparenz-Initiative mit 43,23 Prozent einen Achtungserfolg erzielten.

Begeisterung und Leidenschaft

«Mitreden, mitbestimmen» lautete ihr Motto, das sie mit ihrem Slogan bei den Gesamterneuerungswahlen im Jahr 2015 auf den Punkt brachten: «Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?» Unter der Leitung von Samira Marti und Jan Kirchmayr nahmen die Juso mit 22 Kandidaten an den Landratswahlen teil. Gleichzeitig kandidierte Joël Bühler, damals 19 Jahre alt, für den Liestaler Stadtrat.

Am Wahlsonntag trafen sie alle im Regierungsgebäude in Liestal ein. Sie versammelten sich hinter den Bildschirmen, kommentierten die Resultate. Zitterten, lachten, fielen sich in die Arme. Sie taten es als Gruppe, als Gemeinschaft und strahlten dabei etwas aus, das in der Baselbieter Politik verloren gegangen schien: Begeisterung und Leidenschaft.

Die Jungsozialisten holten zwar keinen Sitz, erarbeiteten sich aber gute Positionen, um im Verlauf der Legislatur ins Kantonsparlament nachrücken zu können, was inzwischen mit Adil Koller und Jan Kirchmayr erfolgt ist.

Der erste Schritt hin zum Wandel der SP war getan. Dass die Sozialdemokraten gleichzeitig aus der Regierung flogen, beschleunigte den Prozess zusätzlich. Die Zeit für ein Umdenken war ge­kommen, die junge Garde bereit, Verantwortung zu übernehmen: Wer, wenn nicht sie?

Wann, wenn nicht zu diesem historischen Zeitpunkt?

In ihr Amt brauchten die Jungpolitiker nicht hineinzuwachsen, sie waren von Anfang an mittendrin. Ein FDP-Landrat sagt über sie: «Die werden in der Juso derart fit gemacht, dass sie schon fixfertige Politiker sind, wenn sie ein Amt antreten.» Im Landrat gehörten Adil Koller und Jan Kirchmayr schon nach kurzer Zeit zu den Wortführern. Sie schlossen die Lücke restlos, die durch die Abgänge von Ruedi Brassel oder Daniel Münger entstanden war. Insbesondere Kirchmayr gilt jetzt schon als geschickter Taktierer; als jemand, der im Hintergrund die Fäden zieht. Eine Qualität, die auch seinen Vater Klaus Kirchmayr, den Fraktionschef der Grünen, auszeichnet. Sohn Jan behauptet aber: «Politisch ist meine Mutter klar mein Vorbild.» Christine Koch ist Lehrerin und ab Juli Gemeinderätin in Aesch.

Nach seinem Amtsantritt als Parteipräsident besuchte Adil Koller alle Sektionen. «Wir haben bei diesem Wandel gut aufgepasst, dass wir alle mitnehmen», sagt er. Das ist offensichtlich gelungen: Die SP Baselland verzeichnet einen Mitgliederzuwachs von über acht Prozent. Es habe eine Repolitisierung stattgefunden, sagt Marti. «Wenn wir auf der Strasse für unsere Initiativen sammeln, kommen die Leute zu uns und fragen, ob sie helfen können.» Der Rechtsrutsch in der Regierung habe vielen die Augen geöffnet.

Für eine einfachere Sprache

Für ein parteiinternes Bildungswochenende, das am vorletzten Wochenende stattfand, meldeten sich rund 50 Personen mit ihren Familien an. Kirchmayr: «Unsere Inhalte kommen von der Basis, sie werden nicht wie bei anderen Parteien von oben diktiert.» Das Foto des Anlasses hat er in der Zwischenzeit auf Twitter gepostet. Was bewegt, verärgert oder irritiert, landet sofort in den sozialen Medien. So will es der Zeitgeist. So wollen es die Juso.

Es wird direkter kommuniziert, mit einfachen Worten. Der elitäre Stempel, den sich die SP in den vergangenen Jahren selber aufgedrückt und mit dem sie schweizweit ihre Stammklientel vergrault hat, verblasst nach und nach – zumindest macht es den An­schein. Adil Koller sagt: «Als Regula Meschberger und ich nach den verlorenen Regierungsratswahlen das Präsidium übernahmen, war uns klar, dass wir die Sprache ändern müssen, damit uns alle verstehen. Die SP ist schliesslich eine linke Volkspartei.» Er erzählt von einem Interview, das er zur Unternehmenssteuerreform III (USR III) gegeben hat, und wie ihm später ein Arbeiter zu seinen Ausführungen gratuliert habe. Der Erfolg bei der Abstimmung über die USR III ist an diesem Morgen im Caffè zum Kuss immer wieder ein Thema. Daran will man sich messen.

Zurück in die Regierung

Die Juso-Parteien sind schweizweit politische Talentschmieden, die Namen wie Cédric Wermuth im Aargau, Tamara Funiciello in Bern oder Sarah Wyss in Basel hervorbringen. Im Kanton Baselland ist dieses Phänomen besonders stark. Koller, Marti und Kirchmayr sind nicht die Einzigen. Jonas Eggmann und Julia Baumgartner wurden an der Jahresversammlung der Juso Schweiz als neue Mitglieder in die Geschäftsleitung der nationalen Partei gewählt. Letztere bekleidet in der Geschäftsleitung das Amt der Zentralsekretärin. Ronja Jansen, Nils Jocher oder Joël Bühler sind weitere Namen. Die Personaldecke der Juso Baselland ist dick; für den Nachwuchs in der SP ist gesorgt. Das können die wenigsten Parteien von sich behaupten.

Kurz nach Mittag beenden wir das Gespräch. Samira Marti, Adil Koller und Jan Kirchmayr verabschieden sich mit einer Umarmung voneinander. Danach verschwinden sie, jeder in eine andere Richtung. Zur Uni, zur Familie, aufs Parteisekretariat.

Bei den kommenden kantonalen Wahlen wollen sie mit der SP zurück in die Regierung. Ob sie es schaffen? Gut möglich. Sie werden dafür kämpfen, wenn nötig auch ins kalte Wasser springen. Ohne Schwimmflügeli.