Do, 06. Apr 2017 | Meinung | Seite 19

Labour kapituliert vor dem eigenen Antisemitismus

Am Ende des Weges

Von Hansjörg Müller, London

Wer Ken Livingstone beobachtet, könnte meinen, Antisemitismus wäre eine Art Zwangsstörung. Der Mann scheint gar nicht anders zu können, auch wenn er laut eigener Aussage «seit 35 Jahren von der Israel-Lobby dafür verfolgt» wird. Bevor Adolf Hitler verrückt geworden sei und sechs Millionen Juden tötete, habe er den Zionismus unterstützt, hatte der Labour-Politiker und frühere Londoner Bürgermeister letztes Jahr behauptet. Am Dienstag hörte ein Komitee seiner Partei den 71-Jährigen an und entschied, dass er Labour-­Mitglied bleiben darf. Livingstones Mitgliedschaft wird lediglich für zwei Jahre suspendiert.

Mit den üblichen Entschuldigungsversuchen, die Politiker nach verbalen Fehltritten gerne vorbringen, mochte sich Livingstone nicht aufhalten, lieber bat er auf unübliche Weise um Verzeihung, nämlich «für die Lügen jener Labour-Mitglieder, die behauptet haben, ich hätte Hitler einen Zionisten genannt». Vor seiner Anhörung hatte er noch nachgelegt: Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hätten Nazis und Zionisten kollaboriert.

Allein ist Livingstone mit derartigen Ansichten bei Labour nicht. Ausgerechnet Parteichef Jeremy Corbyn gibt seit einiger Zeit vor, Antisemitismus bekämpfen zu wollen, was ungefähr so absurd ist, als würde man den Kampf gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus Gordon Gekko anvertrauen. In der Vergangenheit hat Corbyn unter anderem einen palästinensischen Aktivisten verteidigt, der gesagt hatte, Juden benutzten das Blut christlicher Kinder, um Brot zu backen. Später versuchte er, einen anglikanischen Pfarrer reinzuwaschen, der behauptet hatte, Juden stünden hinter den Anschlägen vom 11. September 2001.

Innerhalb Labours scheint sich der reaktionäre Teil der politischen Linken, der meist aus älteren, weissen Männern besteht, mit jungen Muslimen verbündet zu haben. Im Wahlkreis Manchester Gorton dürfte demnächst das eine Milieu das andere ablösen: Bisher wurde der Wahlkreis von Gerald Kaufman vertreten, der im Februar 86-­jährig verstarb. Israels Regierung nutze den Holocaust, um das Töten von Palästinensern zu rechtfertigen, hatte Kaufman, der selbst Jude war, 2009 gesagt. Mit «jüdischem Selbsthass», erklärte Douglas Davis im Magazin Standpoint die Ausfälle des Parlamentariers. Dessen voraussichtlicher Nachfolger Afzal Khan schrieb 2014, israelische Soldaten agierten in Gaza «wie die Nazis».

Immerhin, interne Gegenstimmen gibt es: Er schäme sich für die Partei, sagte Corbyns Stell­vertreter Tom Watson. Dass Livingstone lediglich suspendiert worden sei, mache den angeblichen Kampf gegen Antisemitismus zu einer Farce, urteilte der Abgeordnete Chuka Umunna.

Wie viele sozialdemokratische Parteien Europas war Labour traditionell immer auch eine jüdische Partei: Emanzipation als gemeinsames Ziel verband Arbeiter und Juden. Das ist nun vorbei. «Nach diesem Vorfall haben Juden bei Labour nichts mehr verloren. Es ist aus», schreibt Marcus Dysch, der politische Redaktor des Jewish Chronicle, auf Twitter. hansjoerg.mueller@baz.ch