Di, 12. Jun 2018 | Basel.Land. | Seite 25

«Das ist fast schon menschenverachtend»

Andreas Jost über das Resultat des Runden Tisches zur Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

Von Dina Sambar

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Bern/Bärschwil. Vor drei Wochen sass Andreas Jost mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga und weiteren Personen im noblen Kursaal in Bern. Es war ein Abschlussessen – ein Abschluss, der einen Punkt hinter ungeheures Leid setzen sollte, das der Staat einigen seiner Bürger angetan hatte. Denn noch bis ins Jahr 1981 wurden Menschen zwangssterilisiert, für Medikamentenversuche eingesetzt und ohne Gerichtsurteile weggesperrt. Mütter wurden gezwungen, abzutreiben oder ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Kinder und Jugendliche verdingte man an Bauern oder platzierte sie in Heimen, wo viele von ihnen misshandelt und missbraucht wurden.

Einer dieser Betroffenen ist Andreas Jost. Er war Teilnehmer am Runden Tisch, bei dem Opfer, Bund, Kantone, Gemeinden, die Kirche und weitere Organisationen die Aufarbeitung des düsteren Kapitels anpackten, und Massnahmen für die Unterstützung der noch lebenden Leidtragenden treffen sollten. Mit dem Abschlussessen vor drei Wochen wurde der Runde Tisch aufgelöst.

Das Bundesamt für Justiz verkündete: «Der Runde Tisch hat seine Aufgabe erfüllt.» Eine Mitteilung, die Andreas Jost zynisch auflachen lässt: «Diese Aussage finde ich skandalös, ja fast schon menschenverachtend.» Denn anstatt im noblen Kursaal in Bern sitzt Jost wieder in seiner eigenen Küche in Bärschwil – mit denselben Problemen wie vor dem Runden Tisch.

Lebenswürdige Existenz im Alter

Seit 2017 ist ein neues Bundesgesetzt in Kraft. Dieses regelt nebst der wissenschaftlichen Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und einigen organisatorischen, behördlichen Massnahmen auch den Solidaritätsbeitrag. Jeder Betroffene, der bis im März ein Gesuch stellte, hat Anrecht auf 25 000 Franken. Von den geschätzt 15 000 noch lebenden Leidtragenden, haben 8880 dieses Recht in Anspruch genommen. «Dieser Betrag ist ein Pappenstiel im Vergleich zu den wirtschaftlichen Schäden, die wir erlitten haben», sagt Jost. Vielen Betroffenen sei der Bildungsweg verschlossen geblieben und nicht wenige hätten gesundheitliche und psychische Schäden davongetragen: «Aufgrund des Eingriffs des Staates sind deshalb viele noch heute armutsbetroffen und haben teilweise hohe Steuer- und Krankenkassenschulden.» Jost hätte sich nachhaltigere Massnahmen gewünscht, wie beispielsweise die Erhöhung der Altersrente auf das Niveau eines Durchschnittsverdieners, «um immerhin im Alter eine lebenswürdige Existenz zu haben, nachdem uns das ein Leben lang verwehrt war». Auch ein höherer Betrag – die Betroffenen forderten am Runden Tisch 120 000 Franken – hätten laut Jost bessere Auswirkungen gehabt: «Die 25 000 Franken helfen zwar kurzfristig, um Schulden und offene Rechnungen zu bezahlen. Doch uns wurde das Wertvollste gestohlen, die Kindheit. Wir sind auch heute noch am Rand der Gesellschaft und werden nun weiter in diesem Elend belassen.»

Aus Platzmangel in Haftanstalt

Andreas Jost kam im Februar 1961 «irgendwo in Basel» zur Welt. Als er drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Die Mutter liess ihren Frust an ihrem Sohn aus, misshandelte ihn physisch, aber auch psychisch: «Sie knallte mich auf den Boden und trommelte mit den Fäusten auf mich ein. Wenn sie die Periode hatte, holte sie mich zu sich und sagte: Schau, ich muss bluten, weil du so böse bist.» Die Hölle, sagt der 57-Jährige, begann jedoch, als er nach Mümliswil ins Heim gesteckt wurde. Es war der Beginn einer Odyssee, die ihn in verschiedene Heime, wieder zur Mutter, in zwei Pflegefamilien und, ohne ein Delikt begangen zu haben, in Anstalten für schwerstkriminelle Jugendliche führte. «Misshandlungen von Aufsehern und anderen Jugendlichen waren an der Tagesordnung», sagt Jost und erzählt, wie er in einer Arbeitserziehungsanstalt «Heimprügel» erhielt: «Ich wurde in die Turnhalle beordert. Jeder der rund hundert Jugendlichen hatte das Anrecht auf zwei Schläge in meinen Magen. Ein Erzieher sah es, unternahm jedoch nichts. Er wollte, dass ich diese Prügel erhalte.»

Nur einmal habe er eine gute Zeit gehabt. Dann nämlich, als sich sein Vater über die Anweisungen der Behörden hinwegsetzte und ihn zu sich nahm: «Ich ging zur Freien Evangelischen Schule in Basel. Die Schule machte mir dort zum ersten Mal richtig Spass. Doch die Behörden rissen mich wieder raus, und das Elend ging weiter.» Als er Jahre später wieder zu seinem Vater und in jene Schule durfte, war der Zug laut Jost abgefahren: «Im Aufnahmeheim Basel notierte eine Lehrerin, dass ich intelligent und schulisch unterfordert sei. Doch wegen diesen ständigen Schulwechseln kam ich irgendwann nicht mehr mit.» Zudem sei er durch die Umstände tatsächlich zu einem Problemkind geworden. «Ich begreife nicht, weshalb mich die Behörden manchmal sogar in gefängnisartige Anstalten steckten, während ich zu meinem Vater hätte gehen können. Auch meine Grossmutter hätte mich mit Freuden genommen», sagt Jost, der schlussendlich nicht einmal die gesamte obligatorische Schulzeit absolviert hat. Als er 18 wurde, hörte der Staat auf, so massiv in sein Leben einzugreifen. Doch Jost konnte sich zunächst nicht fangen. Er jobbte da und dort, wurde in die Psychiatrie eingewiesen, lebte teilweise auf der Strasse und landete wegen eines Wutanfalls gegen die Behörden sogar im Gefängnis. «Es bestehen keine Zweifel, dass ich bei einer normalen Jugend einen Berufsweg eingeschlagen hätte, der definitiv mehr Lohn abgeworfen hätte als die 2700 Franken, von denen ich jetzt leben muss.»

Das nimmt man Andreas Jost ab. Er ist ein Macher, Autodidakt und Bastler. So stehen in seinem Arbeitszimmer beispielsweise riesige Drohnen, die er selber entworfen und hergestellt hat. Am Computer zeigt er die ersten Entwürfe eines 3-D-Druckers, den er entwickeln will. Den Umgang mit dem dafür benötigten CAD-Programm hat er sich selber beigebracht. Kreativ sein und tüfteln ist nicht nur Josts grosses Hobby, er sieht darin auch eine Zukunft für sich und andere Betroffene (siehe Box).

Noch heute leidet der 57-Jährige aufgrund des Erlebten unter chronischer Sinusitis, psychosomatischen Bauchschmerzen, Albträumen, Schlafstörungen und anderen psychischen Problemen, wie er sagt. Sein Leben nennt er aufgrund jener gesundheitlicher Probleme, der mangelnden Bildung und der finanziellen Sorgen «elend». «Ich war mit meiner Freundin, mit der ich seit 17 Jahren zusammen bin, beispielsweise noch nie gemeinsam in den Ferien.»

Dass all diese Benachteiligungen und das ganze Leid für die Parlamentarier nur 25 000 Franken wert waren, genau das ist es, was Andreas Jost menschenverachtend findet: «Denn diese 25 000 Franken, das ist nicht einmal das Quartalseinkommen genau jener Parlamentarier.»