Sa, 09. Sep 2017 | Kultur. | Seite 14

Die Erotik einer weissen Wand

Vier Performer tanzen durch den Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel

Von Christoph Heim

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Basel. Man kann es wohl als höhere Form der Wickelschürze bezeichnen, was Adam Linders Tänzer in der Kunsthalle um die Hüfte gepackt haben. Ein dickes Tuch, mit einem traditionellen Teppichmuster bedruckt, kleidet die vier Akteure. Unter modischen Gesichtspunkten wirkt das ganz schick und passt auch wirklich gut zu den eleganten, manchmal auch etwas verquälten Bewegungen der Tänzer. Wir sahen, hörten und erlebten das Kapitel «Service 5» seines Stücks «Dare to keep Kids off Naturalism», einer getanzten Performance, die man auf dem Theater wohl der Gattung des Tanztheaters zurechnen würde.

Drei Wochen lang, insgesamt 65 Stunden, werden die vier Tänzer im Oberlichtsaal im ersten Stock der Kunsthalle die aus insgesamt acht «Services» bestehende Performance vorführen. Entwickelt wurde das Stück von dem aus Sydney stammenden Tänzer, Choreografen und Künstler Adam Linder, der, wie es sich für einen polyglotten Weltkünstler gehört, in Berlin und Los Angeles arbeitet.

Für einmal wird man in der Kunsthalle also keine festinstallierte Kunst zu sehen bekommen sondern vergängliche Schritte und rhythmische Bewegungen, die Adam Linder unter den seltsamen Titel «Dare to keep Kids off Naturalism» gestellt hat. Es hat eine besondere Bewandtnis mit diesem Titel. Er variiert das berühmt gewordene Anti-Drogen-T-Shirt, das den Spruch «D.A.R.E. to keep Kids off Drugs» in die Welt trug und von Anfang an eigentlich das Gegenteil dessen sagte, was gemeint war. Während die Abkürzung für die «Drug Abuse Resistance Education» stand, die 1983 in Los Angeles lanciert wurde, liest sich das Akronym auf dem coolen Kleidungsstück wie «dare», was soviel heisst wie «trau dich», was wiederum in Verbindung mit dem Wort «Drugs» leicht dazu verführen konnte, dass man das «Keep off» beiseite schob und den Spruch als Aufforderung zum Experimentieren mit Drogen verstand. Jedenfalls hat das T-Shirt eine ironische Karriere hinter sich, die es auch in jenen Kreisen beliebt machte, die Drogen ganz und gar nicht abhold sind.

Biegen und strecken

Für Lindner geht es nicht um Drogen, sondern um Naturalismus als Wahrnehmungs- und Darstellungskategorie, von dem er die «Kids» abhalten will und zu dem er sie, so doppeldeutig wie der T-Shirt-Spruch, auch verführt. Jedenfalls geht es in seiner Performance-Produktion, die aus acht Teilen, sogenannten «Services», besteht, nicht um Märchen oder pure Fantasie, sondern um reale und authentische Tanzkunst, die durchaus auch antinaturalistische, abstrakte Züge hat.

Denn was soll man sich als Naturalist denken, wenn sich vier Tänzer vor einer weissen Wand so bewegen, wie wenn es sich um einen Spiegel handelte. Wenn sie sich biegen und strecken, sich gehen lassen und sich wieder in Pose werfen, wie wenn sie die Wand als Alter Ego ihrer Existenz auffassten, als Fläche, vor der sie bestehen müssen, die sie verführen wollen, der sie gefallen können. Ohne einen Schuss ins Fiktive macht das auf jedenfall keinen Sinn.

Fragen und entscheiden

So sehen wir in dem von wunderbar groovigem Jazz unterfütterten Tanztheater eine Art Selbstfindung. Vielleicht geht es Linder um das Spiegelstadium als Phase der Ich-Findung, wie es Jacques Lacan sich vorgestellt hat. Oder um eine Welterfahrung, wie Ferdinand Hodler sie mit seinem Wandbild «Die Empfindung» einfangen wollte. Jedenfalls sind die Tänzer in der ersten Hälfte des «Service No. 5» zehn, ja zwanzig Minuten damit beschäftigt, sich von der langen, vieldeutigen, weissen Wand im ersten Stock der Kunsthalle abzulösen, sich frei zu tanzen, um hinaus in den Raum zu treten, wo sie in einen mehr dialogischen Selbstdarstellungsprozess übergehen.

In der zweiten Hälfte der Vorführung umkreisen dann ein, zwei, schliesslich drei sich überaus langsam bewegende Performer, die jeder einen lanzenförmigen, wohl fünf Meter langen silbernen Ballon wie eine Wünschelrute vor sich her tragen, einen unentwegt tanzenden Kollegen und werfen ihm jeweils zwei Wörter zu. Den Assoziationen sind dabei keine Grenzen gesetzt, und der Tänzer in der Mitte hat sich zu entscheiden zwischen Gier oder Schulden, Europäischer Union oder United States of Amerika, Diamant oder Gold, Vergangenheit oder Zukunft, Actionhero oder Freedomfighter, um nur ein paar wenige Dichotomien zu nennen.

Es ist eine Lust, sich von diesem seltsamen Ritual bannen zu lassen, in dem vier Tänzer zuerst der weissen Wand und dann dem White Cube des Oberlichtssaals immer mehr Bedeutung abgewinnen und sich darin als fragende und entscheidende Subjekte verorten. Und das schönste daran ist, dass diese Vorführung trotz der Intensität des Tanzes mit einer grossen Leichtigkeit daher kommt und der Choreograf und seine Tänzer sich nie in jene Bedeutungsschwere verrennen, die einem bei künstlerischen Performances manchmal so sehr auf den Keks geht.

Weitere Performances bis 28. September. Zeiten unter: www.kunsthallebasel.ch