Di, 08. Aug 2017 | Basel.Stadt. | Seite 21

Sittsam voneinander getrennt

Die Pfalz-Badehäuser waren einst sehr beliebt – bis sie wegen Verschandelung des Rheinufers abgerissen wurden

Von Karin Rey

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Basel. Wenn die Hitze drückend über der Stadt liegt, ziehen einen die kühlenden Fluten des Rheins magisch an. Das war natürlich schon in früheren Zeiten so. Doch erst mit der Errichtung der beiden «Badhysli» unterhalb der Pfalz begann das Baden im Rhein zu einem festen Bestandteil der sommerlichen Vergnügungen zu werden.

Die Initiative zur Errichtung einer Badeanstalt ging von der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) aus. 1830 erhielt sie die Baubewilligung. 1831 konnte sie links des Fährstegs die Anstalt für Männer und 1847 rechts davon jene für Frauen eröffnen. Beide Anstalten waren sittsam voneinander getrennt. Für einen einmaligen Betrag von 20 Franken konnten sich damals ganze Familien ein lebenslängliches Eintrittsrecht erkaufen. Diese Beiträge halfen, die Baukosten zu finanzieren. Von der Initiative der GGG inspiriert, liess der Staat 1856 am Riehen- und am St.-Alban-Teich eine weitere Badeanstalt errichten. 1886 folgte dann das Rheinbad St. Johann und 1898 die Badeanstalt Breite am St.-Alban-Rheinweg.

Baden in gewaltigen Dessous

In der ersten Frauenschwimmschule bei der Pfalz gab es anfänglich sechs, später zehn Einzelkabinen, ein Bassin für Frauen und eines für Mädchen; später insgesamt drei. «Von gewaltigen Dessous umschwadert, die Haare unter Rüschenhauben versteckt, tummelte sich das weibliche Geschlecht in den kühlen Rheinfluten», teilt uns ein älterer Text mit.

Im Wesentlichen muss man sich die Konstruktion eines Rheinbads so vorstellen: Die ganze Anlage war von einer hohen Bretterwand umgeben, die stellenweise kleinere Lücken aufwies, durch die man raus- und reinschwimmen und durch die auch der Strom hindurchfliessen konnte. Ein Gitter schützte eine grössere Öffnung und diente als Auffangrechen von Schwemmholz und teilweise im Rhein treibenden toten Hunden und Ratten. Im Obergeschoss umgab eine Galerie das ganze Bad; von dort aus konnten die Schwimmlehrer und -lehrerinnen ihre Schüler und Schülerinnen beaufsichtigen. Hinzu kamen Ankleideräume, Kabinen sowie Räume zum Trocknen und Aufbewahren. Alles war überdacht, um das Bad vor neugierigen Blicken von der Pfalz aus zu schützen. Erst 1924 wurde in der Männeranstalt eine Sonnenterrasse eingerichtet.

Als Hochwasser in den Jahren 1876 und 1877 grössere Schäden anrichteten, mussten die beiden Badehäuser weitgehend erneuert werden: Eiserne Pfähle ersetzten nun hölzerne, und der ganze Oberbau wurde ersetzt. Zudem erhielt das Frauenbad ein – je nach Stand des Rheins – versenkbares, überdachtes Schwimmbassin. Der Plankenboden hing an massiven Ketten und konnte durch eine Kurbel in der Höhe verstellt werden. Am Ufer stand ein kleines Kassen- und Wärterhäuschen. Während die neue Anstalt bei der Wiedereröffnung 1878 noch zwölf Abonnemente und 22 Schwimmschülerinnen verzeichnete, waren es 1903 bereits 295 Abonnemente und 68 Schwimmschülerinnen.

Ohne Verordnungen ging es natürlich nicht. Niemand durfte ohne Badehose baden. Es war verboten, auf den Boden der Galerie oder ins Wasser zu spucken. Badewäsche konnte man gegen eine Gebühr von zwei Franken waschen und aufhängen lassen. Jedermann musste seine Wäsche anschreiben und den Nagel, an dem sie hing, mit seinem Namen versehen. Es durfte keine Seife benutzt werden, und nach dem Baden musste man die Anstalt verlassen. Ein Anschlag wies zudem darauf hin, dass jedermann sich nicht länger als Dreiviertelstunden in der Anstalt aufhalten durfte. Und in der Frauenanstalt bestimmte 1894 eine Anzeige, dass die Aufseherinnen und Schwimmlehrerinnen den Mädchen das Baden unter 13 Grad Celsius Wassertemperatur untersagen durften. Bei kühler Witterung waren nur etwa fünf Minuten Badezeit erlaubt.

Der rotschnauzige Gusti

Einige persönliche Erinnerungen aus der Schwimmschule sind uns von alt Regierungsrat Carl Ludwig (1889–1967) erhalten. 1898 besuchte er diese als Neunjähriger regelmässig. Die Schwimmlehrer duzten ihre Schüler, egal welchen Alters oder Herkunft. Der eine war der betagte Heiri, der andere der rotschnauzige Gusti und dann kamen noch Schangi und Hämmi Bürgin hinzu, beide Fischer aus Kleinhüningen. Sie schnallten den Schülern einen Gürtel unter den Armen um und begannen mit ersten Übungen. Am Anfang hing ein Knebel an diesem Gürtel, den der Schwimmlehrer hielt. Dann liess der Lehrer dem Schüler mittels eines Seils mehr Spielaum und gab Kommandos wie «mit den Ärm ummefahre» und «Händ zämme». Waren die Lehrer schlecht gelaunt, tunkten sie ihre Schüler ohne Hemmungen und teilten mit dem Seilende aus. Bei Gelegenheit bekamen diese Schüler auch Drohungen wie «links aini, rächts aini und aini ins Zifferblatt» zu hören. Und am Ende war es auch der Schwimmlehrer, der entschied, wann ein Schüler «frei» schwimmen konnte – und bekam dafür eine Flasche Wein, eine Schachtel mit Stumpen oder beides.

Unfall wegen Badenixen

Sich im Badekostüm ausserhalb der Badeanstalt an Land aufzuhalten, war so lange geduldet, bis es zu einem Verkehrsunfall kam: Einige Badenixen hatten sich bei einem Pfeiler der Wettsteinbrücke vergnügt und provozierten auf der Brücke einen Menschenauflauf; dabei brach sich ein Velofahrer das Bein.

Lange blieb die Anstalt über den Mittag geschlossen, damit die Schwimmlehrer in Ruhe essen konnten. Ab den 1920er-Jahren war sie durchgehend geöffnet und wurde Schauplatz der schönsten Picknicks am Rhein. Zum Teil hielt man diese auf dem Bänkli ab. Gemäss Carl Ludwig brachte das Marieli aus dem «Schlüssel» die Getränke, während Niklaus Stöcklin aus der Kolonialwarenhandlung zum Drachen den Kaffee stiftete.

Bis 1930 war das Schwimmen im offenen Rhein untersagt. Als es ein hoher Funktionär dennoch wagte, zur Pfalzfähre zu schwimmen, bekam er von Hämmi Bürgin zu hören: «Wenn de mer nonemol uuseschwimmsch, so ryybi dr my Seel s Kantonsblatt in der Schnure umme.» Kurz nach 1930 war es dann erlaubt, an der Frauenbadeanstalt vorbei zur Wettsteinbrücke bis zur Breite-Badeanstalt oder zur Eisenbahnbrücke zu wandern und sich anschliessend wieder zur Pfalz treiben zu lassen. Auch mit Weidlingen stachelte manche Gruppe stromaufwärts und liess sich dann wieder hinunter treiben. Unterwegs waren Rettungsgeräte am Rheinbord befestigt. Unfälle werden keine erwähnt. Schwimmsäcke gab es schon damals in Form imprägnierter Segeltuchsäcke.

Um 1930 herum besuchte auch Johanna Müller-Von der Mühll die Badeanstalt für Frauen regelmässig. Sie kann sich noch gut an die Schwimmlehrerinnen, die beiden betagten Jungfern Käser und Dunkel, erinnern. Sie gingen auf der Galerie auf und ab, hielten ihre Schülerinnen am Seil und liessen die Kommandos ertönen. Wenn die Mädchen aus eigener Kraft gegen den Strom schwimmen konnten, galten sie als «frei».

Da es damals die Schleuse in Kembs noch nicht gab, war die Strömung viel stärker. Den Rhein zu überqueren, wagten nur wenige Mädchen, zum Beispiel ihre Freundin Jenny Iselin, die mit ihrer Familie von der Sandgrube in den Ramsteinerhof gezogen war. Johanna Müller-Von der Mühll bestätigt, was bereits Carl Ludwig erwähnt hatte: dass die Mädchen manchmal vom Vorsprung eines Pfeilers der Wettsteinbrücke in den Rhein hüpften. Manchmal geriet man in einen Strudel, durfte dabei nicht in Panik geraten und wurde gleich darauf auch wieder «ausgespuckt». Durch eine Lücke in der Bretterwand liess man sich wieder in die Schwimmschule treiben. Mit der Badeanstalt sowie auch der Schule verknüpft sie die Banga-Milchfläschchen, die in Aesch produziert wurden.

Alte Texte berichten uns, wie herzerwärmend es war, dass in der Badeanstalt alle gleich waren, sich verschiedene politische Parteien sowie Berufsstände näherkamen und die Gegensätze der Klassen plötzlich gemindert wurden. Da tummelten sich Regierungsräte, Bankiers, Lehrbuben und Schüler. Wie konnte man herzlich lachen, wenn plötzlich ein Toupé im Wasser schwamm, sich vornehme Gelehrte mit einem «Kopfié» ins Wasser stürzten oder das «tote Männlein» spielten.

Grabstein mit «Pfalzbadhysli»

Im Mai 1912 wurde Ernst Bürgin (1881–1962), der jüngste Spross der Fischer-Familie Bürgin aus Kleinhüningen, als Gehilfe in der Schwimm- und Badeanstalt eingestellt. Er war der Letzte der Familie, der sich seinen Lebensunterhalt als Fischer und zugleich Bademeister und Schwimmlehrer verdiente. Das ehemalige Wohnhaus der Familie Bürgin existiert nach wie vor in Kleinhüningen unter dem Namen «Bürgins Fischerhaus». Der anfängliche Tageslohn von Ernst betrug 5.50 Franken. 24 Jahre später wurde er zum Bademeister befördert und somit Nachfolger seines Bruders Hämmi (Friedrich Wilhelm), der sechs Tage zuvor an den Folgen eines Unfalls gestorben war. Trotz späterer, altersbedingter Gehbehinderung versah Ernst seinen Dienst bis zur Schliessung der Anstalt 1960. Zwei Jahre später starb er. Sein Grabstein auf dem Friedhof Hörnli zeigt den Abschnitt des Grossbasler Rheinufers mit dem «Pfalzbadhysli». Man kann sich vorstellen, wie vielen Basler Buben er in diesen 48 Jahren das Schwimmen beigebracht und deren Kindheit geprägt hat.

Beim Eingang der ehemaligen Schwimmanstalt steht ein mächtiger Kastanienbaum. Gemäss einer Inschrift, die unterdessen verschwunden ist, sowie der Aussage von Ernst Bürgins Tochter, wurde dieser 1910 von ihrem Vater gepflanzt. Im Juni des gleichen Jahres hatte übrigens die Anstalt durch ein Hochwasser erheblichen Schaden erlitten.

Hässliche Anhängsel

Noch 1944 schreibt Johanna Von der Mühll, dass der echte Basler und die echte Baslerin lieber im reissenden Strom badeten als im stillen Wasser der künstlichen Bassins des Eglisees. Aber bereits 1955 wurde die Männeranstalt wegen zunehmender Verschmutzung des Rheins für Schüler verboten. Auch die Abonnemente gingen stetig zurück. Neben dem seit 1931 existierenden Gartenbad Eglisee bekam Basel 1935 das Hallenbad Rialto, 1955 wurde das Gartenbad St. Jakob vollendet, und 1962 folgte das Bachgraben. Und während viele voller Wehmut an die unzähligen glücklichen Stunden im «Rhybadhysli» zurückdachten, kamen immer mehr Stimmen mit der Forderung auf, diese hässlichen Anhängsel an der Pfalz, diese baufälligen Baracken, Schrotthaufen von altem, verrosteten Eisen und Wellblech zu entfernen, weil sie ein Schandfleck für die romantische Umgebung seien.

Mit Einverständnis der GGG wurden die beiden Pfalzbadhysli schliesslich 1961 abgerissen. Geblieben sind das «Rhybadhysli Santihans», das 1962 von der VKB alte Garde zum «Fudi-Kaltbad» hochstilisiert worden war, und das Rheinbad Breite. An die beiden «Pfalzbadhysli» erinnert heute einzig noch eine Inschrift auf der Pfalz, direkt neben der Treppe, die hinunter zum Fährsteg führt. «Schwimmschule» steht dort – in Grossbuchstaben.