Fr, 09. Sep 2016 | Stadt | Seite 21

Schluss mit Veronica

Gastronom Hugo Buser verlässt nach 13 Saisons das Rhybadhüsli Breiti

Von Michael Bahnerth

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Basel. Wird ja jeder, geworfen in den Fluss des Lebens, festgehalten an dessen Ufern, mal länger, mal kürzer, nie für immer. Wird mal wieder fortgespült, aus eigenen Stücken, oder weil der Fluss über die Ufer tritt und ihn mitreisst. Oder beides. So lange, bis der Fluss ihn für immer fortschwemmt ins Uferlose. Das ist der Fluss des Lebens.

20 Jahre hat Hugo Buser am Rhein verbracht. Zuerst als 1. Offizier beim Floss, das er mit Tino Krattiger gewässert hat, dann als Zwischennutzer des Hotels Kraft, und die letzten 13 Jahre als Pächter des «Rhybadhüsli Breiti» und Wirt des «Veronica». Das Restaurant im Rhybadhüsli war seine Idee. Jetzt sitzt er da, unter der Markise auf den Holzplanken, unter ihm fliesst der Rhein, es ist Mittwochmorgen, ein perfekter Morgen, zärtliche Sonne, schimmerndes Wasser, der Verkehr auf der Schwarzwaldbrücke rauscht wie auslaufende Wellen am Mittelmeer, eine Oase mit Ten-Billion-­Dollar-View. So ein Morgen, der Hugo Buser zu flüstern scheint: «Falsche Entscheidung, Vollidiot.»

«Mann, Hugo, das hier ist das Paradies. Und das willst du aufgeben?»

«Ja. Und hör auf, solche Fragen zu stellen. Das alles ist nicht so leicht, alles sehr emotional. Am Montag wars leichter. Du hättest am Montag hier sein sollen; kalt, nass, bisschen Weltuntergang und so. Du hättest mir auf die Schulter geklopft und gesagt, Hugo, du machst grad alles richtig.»

«Manchmal erkennen wir Glück erst, wenn wir es verloren haben. Könnte deine Entscheidung, das ‹Veronica› aufzugeben, in diese Richtung gehen?»

«Jaja, ich weiss, das retrospektive Glück. Kenn ich, klar. Aber es ist einfach so, dass mich dieses Paradies nach 13 Jahren doch müde gemacht hat. Ich hab so das Gefühl, dass es mir mehr nimmt als gibt, verstehst du? 13 Jahre dieselbe Oper. Eine gute Oper, zugegeben, aber immer dieselbe. Eine anstrengende auch. Von März bis September unter Strom, keine Erholungstage, ­Siebentagewoche.»

«Na gut, Hugo. Aber nur wenn die Sonne scheint.»

«Wenn die Sonne nicht scheint, gehe ich baden. Eine Schlechtwetterfront, ein mieser Sommer, und ich stehe am Abgrund. Die Verpflichtungen laufen weiter, das Personal ist da, die Gäste nicht. Dann rechnest du und ein Strom von Sorgen reisst dich mit. Du sitzt da und verbringst den Tag mit Wetter-­Apps. Sechs Stück habe ich. Hoffst, dass irgendwie alles besser wird. Schaust in den Himmel. Wieder auf die App, wieder in den Himmel. Hörst den Vögeln beim Pfeifen zu, wenn sie überhaupt noch unterwegs sind. Wenn das Wetter sich bessert, pfeifen sie anders, irgendwie anders. Bis es so weit ist, pfeifst du selber aus dem letzten Loch, lernst das Wesen der Einsamkeit kennen und träumst bei jedem Vogelpfeifen vom perfekten Sommer.»

«Hattest du den?»

«Ja. 2009. Der beste Sommer ever. Sonne ohne Ende, die Wirtschaft war wirtschaftlich ein Erfolg. 2015 war auch nicht schlecht, hat mich aus der Miese von 2014 herausgerissen. 2016 ist lausig bisher. Aber jetzt gerade geht noch was. Ich weiss nicht, ob das ein Abschieds­geschenk ist oder dazu da, mir zu zeigen, dass es die falsche Entscheidung ist. Nein, es ist nicht die falsche Entscheidung. Drei Jahre trag ich sie mit mir rum. Es ist so: Ich will wieder einmal ein Dach über dem Kopf, das ist es.»

«Und dann, nach dem 18. September, wenn die Saison zu Ende ist?»

«Tja. Mal hinlegen zuerst, denke ich. Ein Gefühl fürs Festland entwickeln. Den Winter über werde ich am Drummeli in den Rahmestückli auftreten. Ich bin ja gelernter Schauspieler. Und dann; mal schauen. Ein anderer wird Kapitän auf der ‹Veronica› werden. Wer, weiss ich nicht. Ich selber hab ein, zwei Sachen, die am Horizont auftauchen. Noch nichts Spruchreifes. Aber schon Gastro. Zieht mich einfach magisch an, immer noch.»

Nochmals aufbrechen

Ich kenne Hugo seit 20 Jahren. Wir waren eine Generation auf demselben hippen Fluss damals, die Bar des «Grenz­wert» trennte und verband uns. Er mixte die Drinks, ich trank sie, draussen waren die 1990er-Jahre. Basel war kein schlechtes Ufer, sein Sterben mindestens 5000 Drinks weit weg. Es gab ein paar coole Leute, ein paar coole Bars und ne Menge Zukunft. 20 Jahre ist das her, fliesst das Lebenswasser eher schon Richtung Vergangenheit. Hugo will «Veränderung», nochmals, vielleicht die letzte, bevor der Fluss keine Ufer mehr haben wird. Es geht nicht darum, den Flussverlauf zu korrigieren, das nicht. Es geht darum, nochmals aufzubrechen. Hugo sagt so einen Satz dazu: «Ich suche Inhalte. Nicht Umgebung.» «Energetisch» ist ein Wort, das er neuerdings gebraucht; energiestiftende Prozesse.

«Alkohol, Hugo, ist ja auch ein energetischer Prozess.»

«Ach komm, so dachten wir früher mal.»

«Jaja. Ich weiss, der junge Mensch trinkt, um ein Gefühl zu verstärken, der alte, um eines zu ertränken.»

Um elf an diesem Morgen kommen die ersten ins Rhybadhüsli, um im Fluss zu schwimmen. Die Vögel machen einen guten Sound. Es wird ein Tag werden ohne Apps, einer mit 300 Speisegästen, einer, an dem alles im Fluss ist.